1978

Schweizerkreuz und Christenkreuz

Rolf Soiron

Wenn eine übergrosse Mehrheit des Schweizer Volkes in der Vorkriegszeit und in den Jahren des Zweiten Weltkriegs sowohl gegen die offenen oder heimlichen Drohungen als auch gegen die Versprechungen und Verlockungen des nationalsozialistischen Deutschland und des faschistischen Italien weitgehend immun geblieben ist, so kommt ein Teil des Verdienstes der Schweizer Presse zu. Sie hat entscheidend mitgeholfen, dass damals der Schweizer Standpunkt nicht verlorenging. Immer wieder rückten die Informationen, die man in den grossen und kleinen Blättern las, die Lügen der Propaganda ins rechte Licht. Die Kommentare unserer Zeitungen verteidigten die Demokratie, vertieften die überzeugung vom Wert der Unabhängigkeit und stärkten den Willen zur Verteidigung der Grenzen.

Die meisten jener vielen Journalisten, Redaktoren, Verleger sind heute bereits vergessen und nur einige wenige Namen herausragender Persönlichkeiten sagen unserer Zeit noch etwas. Zu einem der Unvergessenen steht Riehen in einer besonderen Beziehung: zu Albert Oeri, dem Chefredaktor der «Basler Nachrichten» und liberalem Nationalrat. Oeri hat ja während langer Zeit in unserem Dorf am Chrischonaweg gewohnt. Er, der den Einmarsch der deutschen Truppen wohl nicht lange überlebt hätte, hat — im Gegensatz zu andern — sein Haus in Sichtweite der Landesgrenze und der deutschen Stellungen auf dem Tüllinger Berg während des Krieges nicht aufgegeben, auch nicht in jenen angsterfüllten Wochen im Mai und Juni 1940, als der überfall jede Nacht erwartet wurde.

Oeri gehörte zu den bekanntesten und angesehensten Persönlichkeiten in der Gemeinde, doch sein Blatt war hier keineswegs besonders stark verbreitet. Zum einen beschränkte sich die Leserschaft der «Basler Nachrichten» stark auf das gehobene Bürgertum und zum andern war es noch längstens keine Selbstverständlichkeit, überhaupt eine Tageszeitung zu abonnieren. So hatte das dörfliche Wochenblatt, die «Riehener Zeitung», in der Gemeinde ein grösseres Gewicht. Mit einer Auflage von 1300 Exemplaren — im Jahre 1942 — erreichte es über die Hälfte der rund 2000 Haushaltungen.

Man kann sich nun die Frage stellen, ob eigentlich auch diese Dorfzeitung an der geistigen Landesverteidigung der Schweizer Presse teilgenommen habe. In diesem Sinne haben wir die «Riehener Zeitung» der Jahre 1939 bis 1945 zur Hand genommen und durchstöbert. Das Bild, das in Umrissen daraus entstanden ist, wäre in Grundzügen vielleicht ein ähnliches für viele Lokalzeitungen unseres Landes. Doch dieser Vermutung nachzugehen, hätte den Rahmen dessen, was wir uns vorgenommen hatten, weit gesprengt. So beschränken wir uns auf die Antwort zu der einen Frage, die wir stellten. Eine Antwort übrigens, die wieder zeigen mag, dass manches, was im Kleinen, Bescheidenen, Dörflichen geschieht, es wert ist, dass wir es vor dem Vergessen schützen.

Das Dorfblatt damals
Die «Riehener Zeitung», wie wir sie heute kennen, unterscheidet sich in Umfang und Inhalt deutlich vom Dorfblatt jener Kriegsjahre. Damals war es eine sehr dünne Zeitung. Ihr Umfang überstieg nur selten vier Seiten, und meistens nahmen die Inserate mehr als die Hälfte des Platzes in Anspruch. Der Textteil umfasste in der Regel vier Schwerpunkte: Christliche Meditationen, eine Chronik des Vereinslebens, die Erlasse der Gemeindebehörden sowie eine Zusammenfassung der politischen Ereignisse in der Welt. Ratschläge für Haushalt und Garten, Nekrologe, Vermischtes aus aller Welt, Auszüge aus dem Kantonsblatt, kurze Zitate von Dichtern und Denkern füllten den verbleibenden knappen Raum. Ausserdem enthielt beinahe jede Nummer kriegswirtschaftliche Mitteilungen und Verfügungen kantonaler und eidgenössischer ämter: Wann und wie Strom zu sparen sei, wo man ausgefahrene Luftschläuche abzuliefern habe, welches die neuen Punktwerte für den Fleischbezug seien, usw.

Vor allem zwei Dinge fallen im Vergleich zur heutigen Zeitung auf: Redaktionelle Kommentare erschienen nur ganz spärlich und die inländische Politik wurde kaum berührt. Eidgenössisches Geschehen wird nie erwähnt, die kantonale Politik nur gelegentlich durch Berichte aus dem Grossen Rat gestreift und sogar der Gemeindepolitik wurde nur wenig Platz gewährt. Gewiss, man publizierte die Verfügungen der Behörden, meldete bei Wahlen Kandidaturen und Ergebnisse. Doch erst gegen Kriegsende setzen die Berichterstattungen aus dem Weitern Gemeinderat in einigermassen regelmässiger Folge ein und besondere Berichte, Kommentare, Stellungnahmen Dritter zur Gemeindepolitik suchen wir vergebens.

Schon in den letzten Vorkriegsjahren redigierte weitgehend Albert Schudel (-Baumann)-Feybli die Zeitung, die sein Vater 1913 gegründet hatte. 1939 wurde er Teilhaber der Firma; nach dem Tode des Vaters im Januar 1941 ging weitere Verantwortung auf ihn über. Er bestimmte die Linie seiner Zeitung, forderte Beiträge an, schrieb — zwar eher selten — eigene Kommentare. Bei ihm lag auch die Werbung und Betreuung der Abonnenten, die damals für vier Franken jährlich das Blatt bezogen, und die Akquisition von Inseraten. Ausserdem aber war er für die Leitung der Druckerei und des Verlags verantwortlich. So wundert es nicht, dass Schudel für die eigentliche Redaktion des Blättleins nur wenig Zeit aufwenden konnte. Und nur so war es möglich, dass sogar in den Monaten, in denen er beim Stadtkommando in der alten Gewerbeschule auf der Lyss als Telefonist Dienst tat, die Zeitung herausgegeben werden konnte: In den Dienstpausen setzte Schudel sich aufs Velo, fuhr nach Hause und kehrte in Eile das Notwendige für den Druck des Blattes vor.

Im Untertitel nannte sich die «Riehener Zeitung» «Amtlicher Anzeiger der Gemeinde Riehen». In diesem Titel, der beim Einholen von Inseraten nützlich war, sah der Verleger ein Entgelt für die kostenlose Veröffentlichung von Mitteilungen der Gemeinde. Im Sommer 1941 verschwinden die Wörter «Amtlich» und «Gemeinde» plötzlich und ohne Kommentar. Aus den Protokollen geht hervor, dass sich der Gemeinderat in jenem Sommer verschiedentlich mit dem Titel der «Riehener Zeitung» beschäftigt hat. Wolfgang Wenk, damals Gemeinderat, hatte den amtlichen Charakter des Blättleins in Frage gestellt und schliesslich Recht bekommen. über Wenks Argumente erfahren wir aus den Protokollen nichts. Erst ein Brief Schudels an Gemeindepräsident Emil Seiler vom 11. August 1941 hilft uns weiter. Er gebe ja zu, so Schudel, dass der Titel «Amtlicher Anzeiger» zu irrigen Auffassungen über das Verhältnis der Gemeinde zu seiner Zeitung führen könne. «Daraus könnten unter Umständen Missverständnisse und Unannehmlichkeiten für Sie er wachsen. (. . .) Da gerade heute gewisse Kreise mit der Einstellung unseres Blattes nicht einverstanden sind, kann ich Ihr Bedenken in dieser Richtung wohl verstehen.» Es scheint also, dass die «Einstellung» der «Riehener Zeitung» ihr die Bezeichnung eines «Amtlichen Anzeigers der Gemeinde Riehen» gekostet hat. Mit «Einstellung» kann in diesem Fall und in der damaligen Zeit nur eines gemeint sein: Die Haltung für oder wider die Achsenmächte und ihre Parteigänger in der Schweiz und die Haltung zur Frage «Anpassung oder Widerstand?».

Die Presse wird überwacht
Dem heutigen Leser wird diese «Einstellung» der «Riehener Zeitung» von damals nicht ohne weiteres ins Auge springen. Dies liegt gewiss auch daran, dass er, an das Laute und Grelle der Medien unserer Zeit gewöhnt, wieder auf feinere Zwischentöne achten muss. Vor allem aber darf er den Satz nicht überlesen, den er in einem Schudelschen Artikel vom 16. Februar 1942 findet: «Leider dürfen wir auch bei uns nicht mehr immer schreiben, was wir wollten.» Der Riehener Redaktor spielt damit auf den Umstand an, der ihn wie alle seine Berufskollegen dazu zwang, die Worte genau zu wägen: Es gab eine Kontrolle der Presse.

Mein Freund Georg Kreis, dem ich manchen Hinweis für diese Arbeit verdanke, hat die Kontrolle der Schweizer Presse im Zweiten Weltkrieg in seiner umfangreichen Untersuchung «Zensur und Selbstzensur» mit grosser Sachkenntnis dargestellt. Fassen wir einiges daraus zusammen.

Als Zentrale der Presseüberwachung wirkte seit Kriegsausbruch die «Abteilung Presse und Funkspruch». Anfänglich der Armeeführung unterstellt, unterstand sie ab 1942 dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement. Die Abteilung war für die Formulierung der Richtlinien und Weisungen verantwortlich. Sie ahndete die schwereren Verstösse gegen ihre Vorschriften. Die Kontrolle der Presse war 16 «Presseprüfungsstellen» übertragen, die unter den Pressechefs der Territorial- resp. Stadtkommandos arbeiteten. In die Presseprüfungsstellen wurden Professoren, Richter, Advokaten und Lehrer, manchmal auch Journalisten berufen, die hier als Lektoren Dienst taten.

Leiter der Presseprüfungsstelle beim Basler Stadtkommando war Professor Robert Haab, ab 1940 Dr. Hans-Peter Zschokke, Direktor bei Geigy. Morgens um 10 Uhr sichteten jeweils zwei Lektoren während etwa zwei Stunden die Zeitungen und Zeitschriften. Unter dem guten Dutzend der Basler Lektoren finden sich Gerichtspräsidenten wie Julius Baumgartner, Max Gerwig, Albert Lötz, Max Veith, Professoren wie Edgar Bonjour, Joseph Gantner, Adolf Glaser, Walter Muschg, Advokaten wie Paul Eha und Karl Senn.

Wie die dicken Aktenbündel des Bestands Nr. 4450 im Bundesarchiv belegen, unterzogen die Presseprüfungsstellen alles, was gedruckt wurde, ihrer Kontrolle. In den Dossiers der Basler Stellen finden wir darum neben den Tages- und Wochenzeitungen auch den Kirchenboten und das Pfarrblatt, die Hotel-Revue, den «Feldschützen» und die Kinderzeitschriften von Warenhäusern usw. Bezeichnenderweise erhielt auch Alfred Schäublin im September 1943 die Aufforderung, das soeben ins Leben gerufene Vereinsblättchen des Riehener Turnvereins jeweils unverzüglich nach Erscheinen dem Stadtkommando zuzustellen!

Das naheliegendste Ziel der Presseüberwachung war es, die Veröffentlichung von militärischen Informationen zu verhüten. Ihre Aufgabe ging aber weit darüber hinaus: Sie sollte sicherstellen, dass die Schweizer Presse den Neutralitätswillen in keiner Weise ins Zwielicht geraten lasse. Daher durften die Zeitungen nicht den Eindruck erwecken, die Schweizer stünden dem einen oder andern Lager ungebührlich nahe. Wie reizbar die Diktaturen der Achse waren, hatten verschiedene Pressefehden schon vor 1939 gezeigt, und es musste vermieden werden, dass im Kriege ähnliches geschah.

Die überwachungsorgane arbeiteten einerseits präventiv. Allgemeine Richtlinien, die sämtlichen Redaktionen zugestellt wurden, verlangten objektive Berichterstattung über die Kriegführenden, verboten die Veröffentlichung von Einseitigkeiten, unbelegbaren Informationen, Beleidigungen, massloser Kritik, Voraussagen, «Schulmeistereien». Hunderte besonderer Weisungen wiesen die Zeitungen an, wie einzelne Ereignisse zu behandeln seien. So schrieb das Stadtkommando im Auftrag Berns am 27. Mai 1940 allen Basler Redaktoren genau vor, wie die vom deutschen Vormarsch im Westen gekennzeichnete Lage zu kommentieren sei und es wurde den Blättern geraten, sich vor allem bei der Beurteilung Italiens, das noch nicht in den Krieg eingetreten war, äusserster Zurückhaltung zu befleissigen. Ein anderes Beispiel datiert vom Oktober 1943: Damals verbot die Pressestelle den Journalisten, die grosse Teilnahme der Bevölkerung an der Beerdigung eines abgestürzten amerikanischen Piloten auf dem Hörnli auch nur zu erwähnen.

Wenn die Richtlinien und Weisungen verletzt wurden, konnten Sanktionen verhängt werden. Häufig erfolgte zuerst eine formlose mündliche oder schriftliche Beanstandung. Die erste formelle Massnahme bestand in der schriftlichen Verwarnung. Ihr schlössen sich die Beschlagnahmung der beanstandeten Nummer, die öffentliche Verwarnung der Zeitung, die Vorzensur und schliesslich das Erscheinungsverbot für das Blatt überhaupt an.

Wie man im Bundesarchiv feststellen kann, war die «Riehener Zeitung» auf dem Verteiler für die Weisungen der Basler Presseprüfungsstelle. Aus den detaillierten Tätigkeitsberichten, die wöchentlich oder monatlich an die Abteilung nach Bern geschickt wurden, geht hervor, dass unser Blatt rund zwanzig Mal schriftlich gerügt wurde. Zwei Verwarnungen ergingen an seine Adresse, und ein Mal sollte es beschlagnahmt werden.

Der Feind liest mit Erstes Gebot war damals, auf alle Meldungen zu verzichten, die einem möglichen Gegner Informationen über die Schweizer Armee vermitteln und ihm seinen Angriff erleichtern konnten. So waren Meldungen über Standort, Stärke, Ausübung und Auftrag von Truppen strengstens untersagt. Darunter fielen konsequenterweise auch Berichte über Strassenarbeiten, ja sogar über das Wetter!

Freitag, den 1. September 1939, als im Dorf die Aufgebotsplakate angeschlagen wurden, verletzte Schudel in seinem journalistischen Eifer die gebotene Geheimhaltung. Ein ausführlicher Bericht enthielt alles Wissenswerte über das «Detachement Riehen», das am Mittwoch eingerückt war. Sogar die Standorte der eilends errichteten Strassensperren im Dorfkern, der Wachen und Kommandoposten standen in der Zeitung. Nachdem dann aber die überwachungsorgane ihre ersten Weisungen herausgegeben hatten, unterblieben ähnliche Berichte. So erfahren wir nur aus Gemeindeschreiber Stumps Journal einiges über die Stärke und die Gattung der hier stationierten Truppen, nur in den Akten des Gemeindearchivs finden wir Hinweise auf die Sperrzonen entlang der Grenze, die Hindernisse in den Wäldern, die Entfernung aller Wegweiser, nur in einem Brief Oeris an General Guisan hören wir von der Sorge im September 1944, die verschleppten Zwangsarbeiter im Wiesental könnten sich zusammenrotten und plündernd über die Grenze dringen — von alledem steht in der «Riehener Zeitung» nichts.

Und doch ergingen gegen die Zeitung zwei förmliche Verwarnungen, weil sie — gewiss unabsichtlich — die Geheimhaltungspflicht verletzte. Die eine Verwarnung erfolgte am 15. März 1940. Die Grenzpolizei — Kompanie 15, die aus Emmentaler Dragonern bestand und seit November in Riehen lag, war soeben nach Hause entlassen worden, denn an den Fronten schien alles ruhig. Den scheidenden Soldaten widmete die Zeitung ein Mundartgedicht «Euse liebe Berner Dragoner zum Abschied». Dieses Gedicht, so warf die Presseprüfungsstelle Schudel vor, mache die Tatsache einer erfolgten militärischen Ablösung offenkundig und verletze damit die Weisungen schwer. Die andere Verwarnung erging am 18. März 1944. Schudel hatte in seinem Kommentar zu den Regierungs- und Grossratswahlen die niedrige Stimmbeteiligung bedauert und dabei die ironische Frage gestellt, ob denn alle, die der Urne ferngeblieben seien, an den soeben stattfindenden Wintermanövern teilnähmen. Auch in dieser blossen Erwähnung der Manöver sah die Pressekontrolle eine schwere Missachtung der gebotenen Geheimhaltungspflicht. übrigens erfuhr Schudel wenige Wochen später noch einmal, wie vorsichtig man sein musste. Ende April wurden in einem Artikel die Verwendungsmöglichkeiten für die alte Taubstummenanstalt an der Schmiedgasse erörtert. Ganz beiläufig wurde dabei erwähnt, zeitweise seien dort Luftschutztruppen einquartiert: Auch diese Bemerkung rief die Presseprüfungsstelle aufdenPlan: Sie erinnerte die «Riehener Zeitung» daran, dass Informationen über die Standorte von Truppen mehr denn je geheimzuhalten seien.

Auch präzise Meldungen über das Kriegsgeschehen in der unmittelbaren Nachbarschaft waren zu unterlassen, um nicht die Nachrichtenbeschaffung des einen oder andern Lagers ungewollt zu begünstigen. Die «Riehener Zeitung» informierte denn auch nur spärlich über das, was sich in den badischen Nachbargemeinden ereignete.

Von der vorsorglichen Räumung Weils am 3. und 4. September 1939, die im Dorf natürlich sehr wohl bekannt war, brachte das Blättlein nichts. Am 10. Mai 1940 wurde zwar gemeldet, deutsche Flugverbände hätten das Dorf frühmorgens überflogen, wahrscheinlich um die Maginot-Linie anzugreifen. Doch die schweren Artillerieduelle der folgenden Wochen wurden nicht erwähnt.

Als dann der Krieg im Oktober 1944 in unsere Nachbarschaft zurückkehrte, berichten einige Artikel in allgemeiner Form von den Kämpfen im Elsass und im Markgräflerland. Da aber keine Einzelheiten erwähnt wurden, müssten wir uns andern Quellen zuwenden, wenn wir etwas über die amerikanischen Bombenangriffe auf die Schiffsbrücke, die Beschiessungen und Bombardierungen der Nachbardörfer, die Ende November über Schweizer Gebiet erfolgte Evakuierung der Weiler nach Grenzach und schliesslich über den französischen Rheinübergang am 24. April 1945 erfahren wollten.

Ein Zürcher in der «Riehener Zeitung»
Wenden wir uns dem aussenpolitischen Rückblick zu, den die «Riehener Zeitung» jede Woche, meistens auf der ersten Seite, brachte. Dabei werden wir wohl eine gewisse Enttäuschung erleben. Dieser Beitrag, der doch die Antwort auf unsere Frage nach der Einstellung des Riehener Blättleins enthalten könnte, stammte nämlich nicht aus Schudels Feder, seine Einflussnahme auf diese Rubrik war sehr gering und ist heute im einzelnen kaum mehr feststellbar.

Bis im Juli 1940 trug die Zusammenfassung des aussenpolitischen Geschehens den Titel «Rundschau». Ihr Autor war der Riehener Maler Willy Wenk. Er verfasste sie aufgrund der Informationen, die ihm Radio und Tageszeigen vermittelten. Es ist offensichtlich, dass er sich bemühte, nur die Fakten zu schildern und auf Kommentare und Wertungen zu verzichten. Und dennoch scheint seine Einstellung immer wieder durch. So etwa, wenn er im Januar 1939 Chamberlains Nachgiebigkeit kritisiert: «Um die Sache beim richtigen Namen zu nennen, hat die englische Politik nichts Schlimmeres getan, als das republikanische Spanien zu opfern, um dadurch die Macht einer neu entstandenen Diktatur zu stärken.» Oder wenn er anlässlich des Untergangs der tschechoslowakischen Republik bemerkt, er wisse nun, was man von Versprechungen des deutschen Reiches zu halten habe. Willy Wenk besass aber weder die übersicht noch die Einsicht, die ihm eine dauernde, umfassende und zutreffende Berichterstattung ermöglicht hätten. So verlor er sich manchmal in Spekulationen, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hatten. Als beispielsweise Exkaiser Wilhelm im November 1939 nach dem fehlgeschlagenen Attentat im Hofbräukeller Hitler gratuliert, kann Wenk schreiben: «Die ganze Geschichte lässt die Vermutung zu, dass Hitler nach einem ehrenvollen Abgang sucht und als Nachfolger die Hohenzollern restaurieren will. Dadurch würde dem Dritten Reich eine neue Regierung gegeben, mit welcher die Westmächte Friedensverhandlungen anbahnen könnten.»

Im Sommer 1940 stiess Schudel auf eine Agentur, die ihm den aussenpolitischen Wochenrückblick zuverlässig und fundiert zu liefern versprach. Er abonnierte ab August für 15 Franken monatlich die «Welt am Wochenende» beim «Redaktionsdienst junger Schweizer Journalisten», der von Dr. Eugen Rimli geleitet wurde. Rimli, promovierter Jurist, war gleichzeitig Redaktor beim Krienser «Wächter am Pilatus», bei der St. Galler «Schweizer Freien Volkszeitung» und bei der Wiler «Ostschweizer Volkszeitung». Zudem hatte er im Juli 1939 in Zürich die erwähnte Agentur gegründet, die den Redaktionen verschiedene innen- und aussenpolitische sowie unterhaltende Kolumnen anboten. Rimli behauptete, er beschäftige in seiner Agentur rund 25 Journalisten. Als er allerdings den Behörden seine Mitarbeiter namentlich nennen musste, umfasste die eingereichte Liste lediglich acht Mitarbeiter, alle im Zürcherischen und Schaffhausischen lebend. Abonnenten waren vor allem kleinere Zeitungen aus dem Kanton Zürich und der Ostschweiz, sowie einige Blätter aus dem Bernbiet.

Rimlis «Welt am Wochenende» zeugte von guten Quellen und einer grossen übersicht. Der Riehener Leser fand hier auch Informationen zu den fernöstlichen Kriegsschauplätzen, zum Geschehen in Südamerika und in Afrika. Rimlis Kommentare lassen erkennen, dass er zu Kriegsbeginn von den deutschen Erfolgen sehr beeindruckt war. Die Invasion Grossbritanniens war für ihn lange nur eine Frage der Zeit, und der Sieg der Achse schien ihm zunächst fast unausweichlich. In dieser überzeugung wurzelten denn auch Aussagen wie diejenige vom 22. November 1940. Hitler hatte soeben mit Mussolini, Laval, Pétain, Franco konferiert und Rimli vermutete, es gehe um die «Neuordnung Europas»: «Vielleicht ist es eine Art 'Vereinigte Staaten von Europa', in denen Hitler und Mussolini die klare Führerrolle beanspruchen, wie z. B. früher die deutschen und die römischen Kaiser.» Vorläufig müsse man in der Schweiz an der Neutralität festhalten. Nach dem Krieg könne sich das aber ändern und müsse die Möglichkeit offenbleiben, «dieser Neuordnung — natürlich unter Wahrung der Selbständigkeit — nachträglich beizutreten.» Erst um die Jahreswende 1942/43 begann Rimli an den Sieg der Alliierten zu glauben.

Die Rubrik «Welt am Wochenende» war Anlass von elf Beanstandungen durch die Presseprüfungsstelle. Meistens wurde Rimlis Beiträgen «mangelnde Zurückhaltung» und «Einmischung in die innern Angelegenheiten anderer Staaten» vorgehalten. Dies war beispielsweise der Fall, wenn er im Oktober 1940 Erschiessungen in Frankreich als «ungerechte Justizaktionen» bezeichnete, wenn er im November den Neutralitätswillen der Jugoslawen bezweifelte oder im August 1941 die Haltung der USA gegenüber dem Kriegsgeschehen als «flau» taxierte. Als — verbotene — Prophezeiung wurde gerügt, dass Rimli im April 1943 von den Deutschen Einsicht in die «Aussichtslosigkeit auf den Sieg» verlangte.

Verbotene Kommentare
Gehen wir nun auf die Suche nach Stellungnahme des Redaktors selber. Wir finden sie in Artikeln, die mit A.Sch, A.S., S. oder auch tl. gezeichnet sind und in ungezeichneten Kommentaren, deren Stil unzweifelhaft auf Schudel weist. Doch auch in manchem Beitrag, der aus der Feder eines Dritten stammt, tönt, wie wir noch sehen werden, Schudels Stimme mit.

Wer den Riehener Redaktor kannte, der wusste sehr wohl, in welcher Richtung seine Stellungnahmen gehen mussten. Im Jahre 1932 hatte er in Leipzig, wo er das Technikum für Buchdruck besuchte, die Wirklichkeit des Nationalsozialismus aus nächster Nähe erfahren, hatte den Machtanspruch des Führers und seiner Partei, den Rassenwahn, die Brutalität und den Terror erlebt. Nach seiner Rückkehr Hess er darum keine Gelegenheit aus, seine Landsleute vor den Nationalsozialisten zu warnen. So begrüsste er das Jahr 1939 mit einem Leitartikel «Quo vadis», der an Spanien, österreich, die Tschechoslowakei erinnerte und seine Mitbürger aufforderte, sich nicht in falscher Sicherheit zu wiegen. Gegen wen man auf der Hut zu sein hatte, war dabei wohl jedem klar. Am 20. April 1939, Hitlers 50. Geburtstag, verfolgte Schudel die Radioübertragung eines jener Massenaufmärsche der NSDAP. Am andern Tag schrieb er in die Zeitung: «Mit Schaudern denken wir daran, dass heute ein ganzes Volk einen Menschen zu seinem Gott macht, von unüberwindlicher Macht redet, vom tausendjährigen Reich — als ob es keinen Gott gäbe, der der Menschen Pläne und Werke wie einen Traum wegwischen kann.»

Auch mit Spott machte er sich schon in der Vorkriegszeit Luft. Zwei Episoden aus dem Jahr 1939 mögen für viele andere stehen. Als April-Scherz kündigte die «Riehener Zeitung» an, Hermann Göring, auf der Rückreise von Italien, werde vom Badischen Bahnhof her über Riehen fahren. Der Sonderzug werde hier für zwei Minuten halten, um die Schweizer Begleitung aussteigen zu lassen. Schudel beobachtete dann sehr genau, wer von den Riehenern gekommen war, um dem Reichsmarschall zuzuwinken. Im Juli gab er mit beissender Ironie in einem Beitrag «Unser Basler Tram fährt nicht mehr ins Reich» seiner Genugtuung darüber Ausdruck, dass die Basler Strassenbahnen ihre Linie von der Grenze nach Lörrach aufhoben. Der anonyme Brief, der ihm darauf zugestellt wurde, war bezeichnend: «Sollten Sie in Ihrem 'Amtlichen Anzeiger der Gemeinde Riehen' noch einmal abfällige Bemerkungen über unseren grössten Nachbarstaat machen, so werden Sie eine ganze Reihe von Abonnenten verlieren.» Dies sollte nicht die letzte und vor allem nicht die gefährlichste Drohung an die Adresse Schudels bleiben.

Nach dem Kriegsausbruch wurden seine eigenen Artikel seltener. Verschiedenes kam zusammen: Beim Stadtkommando musste er seinen Militärdienst leisten, im Betrieb übernahm er schrittweise grössere Verantwortung und der Tod seines Vaters und seiner Frau Anny brachten persönliche Sorgen. Ausserdem hatte er als Schriftführer jener «Gesellschaft zur Schaffung von Notund Ferienwohnungen (Nofewo)» zusätzliche Aufgaben übernommen. Die «Nofewo» war im Januar 1940 gegründet worden. Sie sollte für den Fall der Evakuation im sichern Landesinnern Familienwohnungen bereitstellen. Die Gesellschaft hat denn auch im Frühling 1940 ein leerstehendes Hotel auf dem Beatenberg für rund zwei Jahre gemietet. Ausserdem fühlte sich Schudel durch die Weisungen der Presseüberwachung eingeengt. Dass er sie nämlich ernst nehmen musste, erfuhr er in den beklemmenden Wochen des Frühsommers 1940. Am 21. Juni — Pétains Frankreich hatte kurz zuvor um Waffenstillstand ersucht — erschien ein langer Artikel «Bemerkungen zum Tage» aus der Feder Schudels. Obwohl die Pressestellen von den Redaktionen grösste Zurückhaltung gefordert hatten, bekundete Schudel in aller Deutlichkeit den unterworfenen und gegen die deutschen Invasoren kämpfenden Völkern seine Sympathie. In einem derartig geknechteten Europa, wo für Freiheit, Menschenwürde und Christentum kein Platz mehr sei, habe auch die Schweiz keine Zukunft mehr. Er wisse zwar, dass man solche Dinge nicht mehr schreiben dürfe, hoffe aber, dass solche Aussagen doch noch geduldet würden. Seine Sprache war deutlich, und ein Satz wie der folgende stand nicht allein: «über die Degeneration der obersten Säugetierklasse z. B. und die rapide Verbreitung der Rückgratsverkrümmung Hesse sich ohne Zweifel noch Interessantes sagen.» Der Presseprüfungsstelle ging das zu weit. Die «Riehener Zeitung» hatte damit nicht nur einseitig gegen eine Kriegspartei Stellung bezogen, sondern auch die Existenz einer schweizerischen Presseüberwachung erwähnt, was ebenfalls zu unterbleiben hatte. Es wurde die Beschlagnahmung der Nr. 25 vom 21. Juni 1940 verfügt.

Schudels Erinnerung gibt uns einen köstlichen Einblick in die Verhältnisse: Als Telefonist beim Stadtkommando habe er mitbekommen, wie die Basler Presseprüfungsstelle mit Bern wegen der Beschlagnahmung seiner Zeitung verhandelte. Er sei darauf in aller Eile mit dem Velo nach Riehen gefahren und habe die Verteilung des Blattes vorangetrieben. Als die Zeitung kurz darauf dann tatsächlich habe beschlagnahmt werden sollen, sei sie schon längstens bei ihren Lesern gewesen. . .

Die Lehre war klar: Die Zensur war gegenüber der kleinen «Riehener Zeitung» nicht weniger streng als gegenüber den Grossen. Einige Monate später erklärte Schudel daher der Presseprüfungsstelle: «Obwohl wir der Ansicht sind, dass unsere grosse und einflussreiche Schweiz. Tagespresse oft weit über das hinausgeht, was wir in unserem kleinen Lokalblatt hier geschrieben, resp. gedruckt haben und wir uns andererseits auch in keiner Weise einbilden, dass unser bescheidenes Blättli irgendwelche aussenpolitische Bedeutung haben könnte, werden wir Ihren Weisungen und der uns befohlenen Zuriickhaltung vermehrte Beachtung schenken.» Diese Zusage wurde vielleicht für die äussere Form, nicht aber für die Aussage der Schudelschen Beiträge eingehalten! Wie unzählige andere Blätter sagte die «Riehener Zeitung» die Dinge nun eben verhüllt. «Aber wir verlassen uns da,» so Schudel am 9. Januar 1941, «auf den gesunden Verstand unserer Leser, die auch einmal zwischen den Zeilen zu lesen verstehen — oder sich den Kommentar zu diesem oder jenem Artikel selber machen, wenn er uns untersagt ist.»

Ein klassisches Mittel, in verhüllter Form aktuelle Aussagen zu machen, war die Fabel. Für alle diejenigen, die sich mit Kompromissen, mit «Anpassung» absichern wollten, erzählte das Riehener Blättlein im Juni 1942 Lessings Fabel vom Widder, der den reissenden Löwen mit Versprechen und Schmeicheleien besänftigen wollte und am Ende gefressen wurde: «Der macht sich zum Gespött, der einen Tyrannen durch Beredsamkeit zu gewinnen sucht.» Eine andere Fabel hatte der Leser in der Ausgabe vom 7. Juni 1940 gefunden, die auch Guisans Tagesbefehl enthielt, in welchem der General die Schweizer zur Wachsamkeit und zum Widerstand gegen die defaitistische Propaganda aufforderte. Neben Guisans Aufruf war eine kleine Geschichte, «s'Pfännli», abgedruckt. Sie erzählt von einem kleinen Kochtopf, der inmitten von grossen Pfannen und Töpfen, still und bescheiden vor sich hin kochte, und dem allerlei Wohlgerüche entströmten. Nun begannen sich aber die grossen Nachbarn zu erhitzen, wobei ihnen immer stärkere und üblere Düfte entstiegen, die den angestammten Wohlgeruch des kleinen Pfännlis zu überdecken drohten. Nun, auf solche Fabeln konnten sich wohl die meisten Leser ihren politischen Vers tatsächlich selber machen.

Eine andere, vielfältig eingesetzte Form der Verhüllung eigener Aussagen stellte das Zitat dar. So besassen die kurzen Auszüge aus Dichtungen, Evangelien, Abhandlungen, die als Platzfüller dienten, oft einen klaren Bezug zum Tagesgeschehen. In der bereits erwähnten Nummer vom 7. Juni 1940 fanden sich — ganz gewiss nicht zufällig — Melchthals Worte aus Schillers «Teil»: «Wer von Ergebung spricht, soll rechtlos sein und aller Ehren bar, kein Landmann nehm ihn auf an seinem Feuer.»

Verschiedentlich setzte Schudel Zitate aus den Reden der Naziführer als publizistisches Mittel ein. Indem er ihre Aussagen der Wirklichkeit der Gegenwart gegenüberstellte, vermochte er, ohne dass er einen eigenen Kommentar beizufügen brauchte, ihre Verlogenheit oder ihre Leere blosszulegen. Als Beispiel sei die Serie «Das Bollwerk gegen den Kommunismus» vom Herbst 1939 erwähnt: Kurze Wochen nach dem deutsch-russischen Nichtangriffspakt erinnerte die «Riehener Zeitung» mit Zitaten Hitlers daran, wie sich die Nationalsozialisten als die einzige Sicherung gegen die gefährlichen Kommunisten aufgespielt hatten. Oder nach der alliierten Landung auf Sizilien, 1943, stellte Schudel Aussagen der Reichminister Goebbels und Ribbentrop zusammen, die noch kurz zuvor auch nur den Gedanken an eine zweite Front in Europa verhöhnt hatten.

Da Schudel weitgehend auf einen persönlichen Kommentar verzichtete, konnte die Presseprüfungsstelle nur schwerlich eingreifen, obwohl die tiefere Aussage solcher Zitatensammlungen eine klare und einseitige Parteinahme gegen die Achsenmächte war. Sobald er aber persönliche Stellungnahmen und Deutungen beifügte, lief er Gefahr, von den Pressebehörden zurechtgewiesen zu werden. Ein solches Beispiel stellt der Artikel «Lang, lang ist's her» vom 7. Februar 1941 dar. Schudel zitierte aus Heinrich Zschokkes «Schweizer-Bothen» von 1805 und stellte einleitend den Bezug her: «Die heutige Zeit ist ein Stück von jener, denn auch da drohte England die Invasion.» Und warum er aus dem weitgehend vergessenen Zschokke zitierte, sagte er auch gerade: «Wenn wir Zschokkes Betrachtungen wiedergeben, so laufen wir weniger Gefahr, mit dem Zensor in Konflikt zu geraten. Denn den guten, braven Zschokke kann er nicht mehr fassen.» Und nun schilderte er, hinter Zschokke versteckt und mit dessen Worten, die Unnachgiebigkeit der Briten, die Aussichtslosigkeit einer Invasion ihrer Insel usw. Der Zensor griff aber diesmal trotzdem ein. Er beanstandete, dass sich die «Riehener Zeitung» mit der Herstellung des deutlichen Gegenwartsbezuges der einseitigen Parteinahme schuldig gemacht habe.

Einen ähnlichen Fall bildete der Artikel «Propheten-Wort», weitgehend ein Zitat aus dem Propheten Habakuk. Der Text begann mit der Klage des Propheten: «Wie lange schon, Herr, rufe ich um Hilfe.» Wer mit den in der Folge genannten «Chaldäern» gemeint war, sprang in die Augen: «Denn wisset wohl, ich lasse die Chaldäer auftreten, das bitterböse und ungestüme Volk, das weit und breit die Lande durchzieht, um Wohnsitze zu erobern, die ihm nicht gehören. Schrecklich und furchtbar ist es; sein Recht und seinen übermut macht es überall zum Gesetz. Schneller als Panther sind ihre Rosse und behender als Wölfe am Abend; seine Reiter sprengen daher, und seine Reiter kommen aus weiter Ferne; sie fliegen heran wie ein Adler, der sich auf den Frass stürzt. Sie gehen allesamt auf Gewalttat aus; das Streben ihrer Augen ist nach Osten gerichtet, und Gefangene raffen sie zusammen wie Sand. (. . .)» Den Bibeltext ergänzte ein kleingedruckter Kommentar: Man sehe, die Bibel sei in der Gegenwart noch ebenso wahr wie früher. Die Presseprüfungsstelle reagierte sofort: «An sich steht es Ihnen selbstverständlich frei, Bibelzitate in Ihrer Zeitung nach Gutdünken abzudrucken. Wir möchten Sie aber darauf aufmerksam machen, dass es doch etwas auffällig ist, dass in einem solchen Falle ausgerechnet der an sich nicht sehr bekannte Prophet Habakuk für den Nachweis des Wahrheitsgehaltes der Bibel jetzt und vor Jahrhunderten herangezogen werden muss. Der Grund liegt ja offensichtlich darin, dass die Schilderung, die der Prophet von den Chaldäern und ihren Taten gibt, ohne weiteres auf sehr aktuelle Ereignisse bezogen wird. Das Prophetenwort dient so als Mittel zum Zwecke politischer Betrachtungen und nicht etwa als christliche Erbauung.» Die Schlussfolgerung war klar: «Eine derartige Verwendung von Zitaten ist, falls die damit bezweckte Anspielung gegen den Grunderlass verstösst — und dies ist hier der Fall —, selbstverständlich unzulässig.»

Dieser Text aus Habakuk war übrigens nicht zum ersten Mal auf den Pulten der Basler Presseprüfungsstelle gelegen. Georg Kreis hat mich darauf hingewiesen, dass Pfarrer Walter Lüthi ihn 1940 während der Schlacht um Frankreich einer seiner Predigten zugrundegelegt hatte. Die Predigt wurde dann in der Reihe der «Basler Predigten» publiziert und von hier fand der Habakuk-Text Eingang in den «Kirchenboten» und ins «Pfarrblatt». Das «Pfarrblatt» hatte es übrigens seinen Lesern noch einfacher gemacht, indem es neben das Wort «Adler» gleich noch als Deutung «(Bomber)» setzte. . . Beide Kirchenzeitungen waren von der Pressestelle wegen des Prophetenwortes beanstandet worden.

Motive Predigten, Ausschnitte aus Meditationsschriften oder auch religiöse Betrachtungen, welche befreundete Theologen wie der damalige Riehener Pfarrer Gottlob Wieser, der hier wohnende Pfarrer am Waisenhaus, Fritz Huber, sowie der methodistische Pfarrer Ferdinand Sigg eigens für das Blatt verfassten, nahmen in der «Riehener Zeitung» von damals einen wichtigen Platz ein. Auch in diesen Beiträgen fehlten die Bezüge zur politischen Gegenwart keineswegs. So mahnte etwa «F» — Ferdinand Sigg — die Konfirmanden am Palmsonntag 1942, in Jesus Christus ihren einzigen Herrn zu sehen und ausschliesslich «sich Jesus Christus zum Führer zu wählen». Wenn Sigg damals das Wort «Führer» verwendete, so hatte das seinen Sinn! Interessant mag auch der Karfreitagsbeitrag von 1944 sein, der Jesus dem Barabbas und — so die Auslegung — Liebe und Frieden der Gewalt und der Vernichtung gegenüberstellte. Es sei aber nicht allein Barabbas zu verurteilen, sondern vor allem das Volk, das ihn Jesus vorziehe. Und auch hier war der Bezug, der über das Geschehen der historischen Passion hinauswies, deutlich: «So wird Barabbas gewählt: durch eine fanatische Minderheit, durch die Mehrheit, die schweigt, statt zu protestieren und durch Männer, die für ihre Stellung fürchten.» Man scheint denn auch die Aussagen dieser religiösen Artikel verstanden zu haben, denn Schudel erwähnt in der Ausgabe vom 16. Februar 1942, dass er gerade ihretwegen angegriffen werde.

Es ist bezeichnend, dass die «Riehener Zeitung» damals stark von religiösen Beiträgen geprägt war und dass sich in ihnen oft die Stellungnahmen gegen das Dritte Reich und seine Vasallen verbargen. Denn Schudels Widerstand fand eine starke Wurzel im Religiösen. Die Hauptvorwürfe, die er den faschistischen Regimen machte, waren dementsprechend. Für ihn war etwas vom Schlimmsten, dass die Deutschen sich einen neuen Gott geschaffen hatten. Erinnern wir uns an den Satz von 1939: «Mit Schaudern denken wir daran, dass heute ein ganzes Volk einen Menschen zu seinem Gott macht, von unüberwindlicher Macht redet, vom tausendjährigen Reich — als ob es kei nen Gott gäbe, der der Menschen Pläne und Werke wie einen Traum wegwischen kann.» Und: «Dass ganze Völker hier neue Wege glaubten gehen zu müssen, dass sie nicht mehr Gottes Wort, sondern der Lehre der Macht eines Nietzsche folgten, das hat zu der furchtbaren Katastrophe der Gegenwart geführt.» Es ging darum für die «Riehener Zeitung» in diesem Krieg nicht nur um Vorherrschaft, um Länder, um Staatsformen, sondern es ging «um die Wahrung der christlichen Kultur» (27. August 1943) gegen einen Diktator, den Schudel nur knapp als den Antichrist zu bezeichnen vermied; im Oktober 1939 fügte er einem Gotthelf-Zitat, alles sei gegen den Antichrist aus dem Norden aufzubieten, den Nachsatz bei: «So scheint uns, dass auch dieses Wort nicht schlecht zu der heutigen Weltlage passt.»

Dass es wirklich um die Verteidigung der christlichen Gemeinde ging, fand Schudel durch die Kirchenverfolgungen und die Verhaftung von Pfarrern in den besetzten Gebieten und im Reich bestätigt. Die letzte Bestätigung, dass hier das menschgewordene Böse wütete, waren ihm schliesslich die Meldungen aus den KZ im Osten. Rimlis Agenturberichte hatten 1942 zwar schon von Judendeportationen berichtet, jedoch vermutet, die Verschleppten würden als Zwangsarbeiter eingesetzt, und in verschiedenen Schweizer Blättern erschienen hin und wieder Berichte über Morde an Juden. Im Juni 1944 begann der Evangelische Pressedienst — auf den die «Riehener Zeitung» abonniert war — von der systematischen Massenvernichtung zu berichten. Als Schudel am 7. Juli 1944 unter dem Titel «Wir können nicht schweigen» erste grauenvolle Zahlen den Lesern mitteilte, beanstandete übrigens die Presseprüfungsstelle diesen Artikel: Solche Berichte seien zu unterlassen, da sie vorläufig bloss unkontrollierbare Gerüchte darstellten.

Vor dem Hintergrund einer Überzeugung, wonach es um «die Wahrung der christlichen Kultur» ging, bekam auch die Verteidigung der Schweiz eine neue Dimension: Wer die Schweiz vor der nationalsozialistischen Gefahr verteidigte, der schützte damit auch das Christentum! Die Gleichung «Schweizerkreuz — Christenkreuz» — so der Titel einer im Frühjahr 1940 abgedruckten Meditation — war vollkommen. Sie liess nicht die geringste «Anpassung» zu. Als der «Völkische Beobachter» im Mai 1941 eine Anpassung der Schweizer an die neue Ordnung Europas verlangte, replizierte Schudel: «Unerschütterlich werden wir den Glauben unserer Väter in seinem doppelten Sinn — unseren christlichen Glauben und den Glauben an unsere Heimat, an unser Vaterland — festhalten. (. . .) Dann haben wir den Mut, eine 'Insel' zu sein, dann haben wir aber auch die Aufgabe, den dreifachen Sinn unseres Schweizerwappens hoch zu halten und darnach zu leben: Das Schweizerkreuz, das Rote Kreuz und das Christenkreuz.»

«Anpassung» hatte hier wirklich keinen Platz und da Schudel dieser Grundüberzeugung immer wieder Ausdruck verlieh, wurde die «Riehener Zeitung» auch immer wieder angegriffen. «Ja, wenn wir farbloses Zuckerwasser offerierten,» so antwortete der Redaktor im Februar 1942, «oder Wetterfähnlipolitik betrieben, kämen wir ungeschorener weg. Wir wollen aber gar nicht ungeschoren oder unangefochten sein; wir werden den Kurs nicht ändern.»

«Sauberkeit der Gesinnung»
Wir hatten uns die Frage gestellt, ob auch unsere Dorfzeitung an der geistigen Landesverteidigung teilgenommen habe. Die Antwort ist ein klares Ja. Immer wieder hat der Redaktor des Blattes seine Leser vor dem Ungeist und der Macht der Achse gewarnt und in keinem Moment hat er einen Zweifel über seinen Standpunkt aufkommen lassen. Gewiss: Die Wirkung dieser Artikel wird wohl bescheiden gewesen sein, und wenn wir an die Arbeiten anderer Basler Redaktoren denken — erinnert sei an Jenny, Streicher, Hungerbühler und vor allem natürlich Oeri —, so war der politisch-analytische Gehalt ihrer Kommentare vielleicht oft bedeutender. Aber gerade auch der Riehener «Blettli-Schreiber», wie er sich manchmal selber nannte, brauchte für seine Haltung Mut. Die Nationalsozialisten feierten ja nicht nur auf den Kriegsschauplätzen Erfolge — auch in unserem Lande versuchten sie laut und vernehmlich voranzukommen. Der Bericht des Regierungsrates aus dem Jahre 1946 berichtet uns, im Jahre 1940/1941 habe es in Basel 4000 organisierte Nazis gegeben. Im «Deutschen Heim» an der St. Alban-Vorstadt gingen sie ein und aus. Im Jahre 1942 sollen an ihren 190 Veranstaltungen über 40 000 Teilnehmer gezählt worden sein. Niemand garantierte den Schweizer Journalisten damals, dass diese fünfte Kolonne nicht eines Tages ein paar Exempel statuieren würde, wie das in andern Ländern geschehen war. Schudel erinnert sich noch gut an die Drohung: Wenn dann die Deutschen kämen, würden in Riehen der Gemeindepräsident und er als erste hängen.

Kurz nach Kriegsende schien die «Riehener Zeitung» für einen kurzen Augenblick ins Zwielicht zu geraten. Im Sommer 1945 wurde die Neuwahl des Gemeindepräsidenten vorbereitet und Schudel setzte sich für die Kandidatur eines beliebten und angesehenen Landwirts und Grossrats ein. Im Januar 1946 erfuhr man nun, dass jener Kandidat die berüchtigte «Eingabe der 200» unterzeichnet hatte, mit welcher der Bundesrat Ende 1940 zur Gleichschaltung der Presse nach deutschem Muster aufgefordert werden sollte. Im Dorf hatte niemand davon gewusst, auch Schudel nicht. Dessen ungeachtet wurde die «Riehener Zeitung» jetzt von der «Basler Arbeiter-Zeitung» heftig angegriffen. Aber Schudel durfte sich gelassen wehren: «Ich glaube nicht, dass ich unsere RZ oder mich selbst in Bezug auf die Sauberkeit der Gesinnung zu wehren oder zu verteidigen brauche. Unsere Leser haben unser Blättli ja alle die Jahre hindurch gelesen und wussten, dass wir nie in 'Anpassung' uns geübt haben.»

Es will uns scheinen, diese «Sauberkeit der Gesinnung», welche wie manches Schweizer Blatt auch unsere Dorfzeitung ausgezeichnet hat, sei es wert, dass man sich ihrer fast vierzig Jahre später noch einmal erinnere.

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