2001

Theobald Bärwart - ein Kleinbasler Dichter und seine Riehener Familie

Michael Raith

Theobald Bärwart - ein Kleinbasier Dichter und seine Riehener Familie Als Kleinbasler fühlte er sieh, als Riehener Bürger wurde er geboren und einen grossen Teil seines Lebens verbrachte er in der Baselbieter Gemeinde Bottmingen: der Mundartdiehter Theobald Bärwart.

Vieles unterscheidet die ungleichen Gemeinden Riehen und Basel, manches verbindet sie aber auch. ähnliches lässt sich über das Verhältnis vom Baselbiet zur Stadt beobachten. Der Eigenwert dieser Bereiche soll und muss betont werden, aber auch die Wichtigkeit der sie verbindenden Brücken. Eine solche bilden Leben und Werk von Theobald Bärwart: Geboren als Riehener Bürger, durch eine Jugend im Kleinbasel geprägt, während der zweiten Hälfte seines Lebens im basellandschaftlichen Bottmingen wohnhaft und trotzdem durch Arbeit und Kultur mit dem Leben der Stadt vielfach verbunden, ruht er nach seinem Tod wieder in Riehener Erde. Bärwart kennt man in literarischen Kreisen Basels noch heute, das Wissen um seinen Bezug zu Riehen ging indessen verloren. Diesem Verlust will folgende Darstellung begegnen.

Rieche
's Wisedal im Sunneschyn,
Rieche vornedra!
Wie-e-Bruut im Hochzytsstaat
Lacht mi d'Haimet a.

Bärg und Wald und Räbe,
's isch alles bynenand;
's git nyt Scheeneres uff der Wält
Ass my Sunneland.

Lueg, wie d'Wise glänzt durs Laub
Und wie d'Sunne lacht!
Ville het's und Buureheef, Gärte,
's isch e Pracht.

Und e Wy, der Schlipfer Wy!
Schängg en y und lipf 's Gold im Glas!
Mer stosse-n-a:
Rieche-n-und sy Schlipf!

Bärwart besingt hier Riehen als seine Heimat. Das ist sie indessen nur ganz kurze Zeit gewesen. Der Dichter kam noch als Riehener Bürger am 14. Mai 1872 an der Kleinbasler Clarastrasse zur Welt, doch schon wenige Monate später - am 16. September des gleichen Jahres - verlieh der Kleine Rat der Familie das Stadtbürgerrecht. Es wäre nun möglich gewesen und in den meisten vergleichbaren Fällen wurde auch so gehandelt, dasjenige der Landgemeinde beizubehalten. Aus unbekannten Gründen verzich tete Theobalds Vater aber darauf. Gleich verhielt sich übrigens der bekannte und ebenfalls aus Riehen stammende Sängervater Johann Jakob Schäublin (1822-1901): Er wurde 1852 unter Aufgabe seines bisherigen Heimatortes Basler.

Heute besitzen relativ am meisten Einwohner Riehens das Bürgerrecht der Stadt Basel, die Riehener Ortsbürger bilden in Riehen eine Minderheit, doch erwerben sich seit Jahren viele Basler in Riehen zusätzlich den Bürgerbrief der Landgemeinde. Diese Entwicklung bildet eine Folge des starken Zuzugs aus der Stadt während des 20. Jahrhunderts.

Anders lagen die Verhältnisse zuvor. Welten schieden Stadt- und Landbürger, Basler zu sein galt viel, Riehener eher wenig. Ehen etwa zwischen Angehörigen aus beiden Bevölkerungen wurden als Mesalliancen gewertet. Trotzdem kamen sie vor, häufiger zwischen der «minderen» Stadt und dem Dorf, seltener mit dem «Daig» (vergleiche RJ 1964, S. 49 und RJ 1996, S. 23). Fehlten in Basel Niedergelassenen, an deren Verbleiben Interesse bestand, Voraussetzungen für den Erwerb des städtischen Heimatrechts, so bürgerte man sie gern in den Landgemeinden ein. Vor allem das Aufkommen der Industrie führte nach der Kantonstrennung von 1833 zu einem je länger, desto intensiveren Wachstum der Bevölkerung der Stadt. Da der Mobilität damals noch enge Grenzen gesetzt waren, verlegten viele aus Riehen stammende Leute, die in Basel arbeiteten, auch ihren Wohnsitz dorthin. Obwohl das Stadtbürgerrecht nicht mehr die Bedeutung der Zeit vor 1798 besass, galt sein Erwerb als sozialer Aufstieg. Mancher aus dem Dorf in die Stadt Gekommene konnte sich ihm nicht verschliessen. So wurden vor allem im 19. Jahrhundert aus Riehenern Nur- oder Auchbasler, so wie im 20. Jahrhundert aus Baslern Auchriehener. Nicht wenige dieser Auchbasler und -riehener kehrten übrigens aus den verschiedensten Gründen in ihre ursprüngliche Heimat zurück.

Riehen in Bärwarts Werk
«Uff d'Wält koh bi-n-i no als Riechemer. Aber nitt ass jetz epper maint, will me friehner bihauptet het, z'Rieche haig alles Grepf» (GKR, 2. Auflage, S. 278), «ich haig au aine. I ha nämlig heggschtens e-n-Ahnig vom e Struma. Was mir vom Riechemer blibe-n-isch, das isch heggschtens d'Liebi zer Nadur. I ha als glaine Binggis kai Baum kenne gseh, ohni dra uffez'glättere, kai Brinnli, wo-n-i nit d'Rehre dra zueghebbt und d'Passante gspritzt ha, kai Drägg, wo-n-i nit gmaint ha, i mies drin ummeniehle. Abgseh vo däne näbesächliche Riechemer Aigeschafte bi-ni e-n-ygflaischte Glaibasler.» Eine weitere Charakterisierung hält fest: «My Bappe [isch] als giborene Riechemer eppenemol zem e schiächte Witz uffglegt gsi.» Diese etwas sonderbaren Eigenschaften seiner ehemaligen Mitbürger hielt Bärwart nicht vor ihrem Besuch zurück: «D'Wält isch iberall scheen, ob si däwäg oder anderscht drygseht, und stärbe ka me, ohni ass me d'Alpe-n-oder 's Meer oder sogar Neapel gseh het. Grad eso allewyl der glych Spaziergang ha-n-ich gmacht. Wenn i fir mi ellai bi go bummle, se bi-n-i johrus, johry iber's Hernli uff d'Grischone, vo dert uff Bettige-nund Rieche-n-abe-n-und wider haim, und erseht der «1. Welt-»Grieg het myner Liebhaberei e-n-änd gmacht.»

Weitere Schilderungen von Ausflügen nach und Begebenheiten in Riehen folgen. Da Vollständigkeit hier nicht angestrebt wird, sei mit einem von Bärwart zitierten «Kindersprichli» - nicht dem einzig bekannten aus der Gattung der wertenden Nachbarortsvergleiche (siehe GKR, 2. Auflage, S. 68) - der Einblick in sein Œuvre beendet: Basel isch e scheeni Stadt, Glaihynige-n-isch e Bättelsagg, Rieche-n-isch e-n-Anggekibel, Bettige-n-isch der Deggel driber, D'Grischone-n-isch der Stessei dry.

(Zitate aus «Im diefschte Glaibasel», Basel, 3. Auflage, 1976.)

Theobald Bärwarts Lebenslauf
Das Geburtshaus an der Clarastrasse verkaufte der Vater bereits 1873. Theobald wuchs von 1877 bis 1891 im kurz zuvor erbauten Haus «Zur Maulbeer» an der gleichnamigen Strasse Nummer 11 auf. Sein Vater betrieb dort eine Bäckerei. Als frühreifer Gymnasiast nahm er regen Anteil am parteipolitischen Leben, dies nicht immer zur Freude seiner Lehrer. Er bekundete intensives Interesse für Sprache, Literatur und Philosophie. An der Oberen Realschule, dem späteren Realgymnasium, an der Rittergasse bestand er 1891 die Maturität. Nun begann er in Zürich ein Philologiestudium und setzte es in Berlin fort, in sich Ideen für grosse Romane hegend.

Was dann geschah, haben alle seine vielen Biographen nicht beschrieben: Er brach das Studium ab, begrub seine hohen Pläne und trat 1895 als «provisorischer Gehülfe» in den eidgenössischen Zolldienst, der ihn - als Strafversetzung übrigens - für einige Jahre ins abgelegene neuenburgische Dorf Les Verrières führte. Als Grund dieser Wende wird Mittellosigkeit als Folge des Todes des Vaters genannt, was aber so nicht stimmen kann, da dieser erst 1908 erfolgte. So liegt ein noch zu lüftender Schleier über den wirklichen Gründen der Lebenszäsur. Politisch blieb er fortan ein Stiller.

Zurück in Basel wirkte er im Gebäude der Zollverwaltung an der Elisabethenstrasse 31 und beendete seine Beamtenlaufbahn mit der Pensionierung 1935 als für das Ressort «Zollfreier Warenverkehr» zuständiger Dienstchef der Zolldirektion. Ob ihn sein Beruf besonders gefordert hat, muss dahingestellt bleiben, geht doch das Gerücht, Teile seines Werks seien am Arbeitsplatz entstanden. Trotzdem oder deswegen enthüllte man 1995, als das Direktionsgebäude hundert Jahre alt wurde, an ihm eine Gedenktafel für den Dichter. Auch findet sich in ihm eine Vitrine mit einer kleinen Dauerausstellung zu Bärwarts Leben und Werk.

In seiner Freizeit sang Theobald Bärwart in der Basler Liedertafel, erhielt ihre Ehrenmitgliedschaft und den Rang eines Eidgenössischen Sängerveteranen. Als Fasnächtier dichtete er Schnitzelbängge und als Bruder einer Kleinbasier Ehren-Gesellschaft etwa «'s Lied vom Vogel Gryff». Der Zunft zu Brotbecken diente er als Vorgesetzter und Schreiber. Anders als früher einmal vorgesehen, begann er zu publizieren. Zuerst erschienen - noch Schriftdeutsch 1918 die «Rosswiler Geschichten», dann ging er als Lyriker, Feuilletonist und Erzähler zum Baseldeutschen über und schuf sich als Dialektdichter einen geachteten Namen. Den Anfang setzte 1921 die Erzählung «Uus em Glaibasel». Bärwart half die Basler Sektion des PEN-Clubs gründen und wurde ihr Sekretär. Sein Wirken in der Nachfolge Johann Peter Hebels fand auch ihren Ausdruck in seiner Mitarbeit in der zu dessen Ehren errichteten Stiftung. Und da er sich als Schriftsteller bezeichnete, war er folgerichtig Mitglied ihres schweizerischen Vereins.

In der Basler Matthäuskirche heiratete Bärwart 1903 Elsa Layh (1882-1967) aus Karlsruhe. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, beide heirateten und verloren nach dem damaligen Recht den Namen Bärwart. Es gibt also keine Nachkommen des Dichters mit diesem Namen. Am Waldrand ob Bottmingen erbaute sich Bärwart 1908 die Villa «Tannhäuser», hier lebte er gemütlich und schrieb - Wein trinkend und Stumpen rauchend - seine Texte. Kurz nach seinem 70. Geburtstag ist er am 5. Oktober 1942 in Liestal gestorben. Seine Urne ruht auf dem Friedhof am Hörnli, also auf dem Boden seiner ursprünglichen Heimat Riehen. Freunde gaben dem unscheinbaren Servitutweg von der Isteinerstrasse zur Mattenstrasse und parallel zur Maulbeerstrasse - er führt also an der Rückseite von Bärwarts Elternhaus vorbei - 1957 den allerdings nicht amtlichen Namen «Theobald Baerwarts Gässli». Für die dann in den 1980er-Jahren gescheiterte überbauung des Bäumlihofareals waren seit 1964 offiziell eine Baerwart-Strasse und ein Baerwart-Weglein vorgesehen. Das hat nicht sollen sein. Dafür trägt das 1902 eingeweihte Schulhaus «am Rhein» an der Offenburgerstrasse 1 in Basel seit 1968 den Namen «Theobald Baerwart-Schulhaus».

Namen sind nicht Schall und Rauch
Die korrekte heutige Schreibweise des Namens lautet Bärwart, Theobald und andere Familienangehörige brauchten Baerwart; Berwart kam ebenfalls vor. Die noch jetzt gebräuchliche mundartliche Aussprache wurde in einer Volkszählung von 1774 mit «Bärenwarth» und «Bärenward» auch schriftlich fixiert. Das Wort enthält «Bär» und «warten» (= hüten, pflegen), ein Bärwart dürfte darum ein Bärenwärter sein. Die Familie besitzt gegenwärtig ausschliesslich das Bürgerrecht von Riehen und ist nicht sehr zahlreich. Theobald (Ubaldus, Thiébaut, im Dialekt «Diebold» und «Baldi») heisst der bekannte Stadtheilige von Thann im Elsass. Trotz Reformation und neuen Grenzen blieb der Name - ähnlich wie beispielsweise Wendelin oder Chrischona - in der Region und so auch in Riehen bis ins 19. Jahrhundert populär.

Erste Spuren der Familie Bärwart in Aarau Der Name Bärwart findet sich schon früh: Ein Peter Berwart von Mo[r]se[e] (= Morges VD?) wurde 1422 Bürger von Basel. Und ein Hilarius Berwart von Säckingen ist ebenfalls in Basel Anno 1539 erwähnt. Noch weiter zurück führen die Spuren der Bärwart von Aarau: Ein Dokument vom 5. Dezember 1356 nennt einen Heinrich Berwart. Im 15. Jahrhundert fehlen Erwähnungen dieser Aarauer Familie, dafür folgen im 16. umso mehr, beispielsweise von 1513 bis 1520 «Heini Berwert der Drummenschlacher (= Trommelschläger)», 1520 ebenfalls ein Heini, «der Wirtt zum rotten Thum», 1533 nochmals ein Heini, Mitglied der Narrenbruderschaft, 1526 bis 1539 ist wieder ein Heini als Anhänger der Reformation bezeugt. Und 1536 erscheint der Sondersiechenpfleger Heinrich als Mitglied des grösseren Rats. Mag sein, dass es sich bei den vielen Trägern dieses gleichen Vornamens nicht immer um verschiedene Personen handelt. Ein seit 1545 erscheinender Cunrat Berwart (t 1587), Wirt zum «Ochsen», stieg zum Schultheissen der Stadt auf, einer seiner Nachfolger - im Amt von 1590 bis 1592 - war nochmals ein Vertreter der Familie mit Namen Jakob. Dann starb die Aarauer Sippe wohl noch im 17. Jahrhundert aus. Sie hinterliessen ein Wappen mit einer Lilie und zwei Sternen in Weiss oder Gelb auf Blau. Theobald wusste nichts davon und liess ins Zunftbuch der Brotbecken ein entsprechendes mit einem Bären malen.

Die Bärwart rund 250 Jahre lang in Biel Hans Bärwart aus Aarau gelangte nach Biel und erwarb sich dort 1544 das Bürgerrecht, wurde Gross- und Kleinrat sowie Bauherr. Sein Sohn Heinrich (+ 1618) brachte es ebenfalls zum Gross- und Kleinrat, dazu war er auch Siechen-, Bussen- und Kirchenvogt. In der Liste der Bieler Ratsherren aus der Familie Berwart folgen Jakob, erwähnt 1610 bis 1657, auch Heimlicher Rat, Bussen- und Kirchenvogt, dann Christoffel, erwähnt 1613 bis 1636, zusätzlich Siechen- und Bussenvogt, sowie zuletzt Hans Heinrich, genannt 1637 bis 1654, ebenfalls Kirchenvogt. Einer der Schweizer, die nach dem Dreissigjährigen Krieg nach Deutschland zogen, war Hans Berwart von Biel, der von 1665 bis 1687 in Mannheim als Tabakhändler wirkte. Schon früher wandten sich Sippenangehörige dem Handwerk zu. Hans, bezeugt 1567, zog als Steinschneider nach Worms. Der Maurer Hans Jakob erstellte 1658 zwei neue Gewölbe der Brücke über den Fluss Le Seyon in Neuenburg. Der Nagler Nikiaus erwarb sich 1769 einen der Wehrtürme der mittelalterlichen Stadtmauer, der - obwohl er sich 1798 wieder in anderen Händen befand und später abgebrochen wurde - unter dem Namen «Berwartturm» in die Geschichte eingegangen ist. Nach 1800 hören wir nichts mehr von der Bieler Familie.

Die Bärwart in Riehen
Im Binninger Margrethenkirchlein heiratete am 12. März 1736 der Nagler oder Nagelschmied Andreas Bärwart (1705-1779) von Biel die junge Witwe Susanna Catharina Scherb (1714-1782) aus Basel. Sie stammte aus einer Naglerfamilie und war in erster Ehe mit einem dann jung verstorbenen Nagler aus Pratteln verheiratet gewesen. Damit hatte sie ihr Stadtbürgerrecht verwirkt, wozu eventuell kam, dass Biel nicht ganz im gleichen Rang wie Basel stand. Jedenfalls erwarb sich Andreas am 27. November 1737 das Bürgerrecht von Riehen und liess sich hier im späteren Lindenhof, den er zur Hälfte erwarb, an der Baselstrasse 11 nieder. Teile des Hauses blieben bis 1874 in der Familie.

Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor, sechs wurden erwachsen. Anna Helena (1738-1821) heiratete einen Basler Hutmacher. Der Nagelschmied Andreas (1742-1806) wohnte einmal an der Schmiedgasse und war zweimal verheiratet. Johannes (1744-1801), ebenfalls Nagler, verpflanzte die Familie nach Muttenz. Friedrich (1747-1812) wandte sich dem gleichen Beruf zu wie Vater und Brüder. Anna (1752-?) ehelichte einen Riehener Indiennedrucker und Witwer. Anna Catharinas (1755-1825) erster Mann endete als Vatermörder auf dem Schafott und vom zweiten wurde sie geschieden.

Andreas junior (1785-1858), von Beruf Landwirt, setzte als einziges Kind die Familie fort, doch starben auch ihm viele Kinder, einmal während eines halben Jahres gleich fünf. Andreas (1821-1877) überlebte und verdiente sein Brot als Landarbeiter. Drei seiner Töchter heirateten, vier blieben ledig, der eine Sohn, Johannes (1856-?), wanderte nach Chile aus, wo noch Nachkommen zu vermuten sind, der andere, Eduard (1872-1955), Farbarbeiter, hinterliess keine Kinder. Damit erschöpfen sich die Nachrichten über diesen Familienast.

Der «ächte Menschenfreund»
Der erwähnte Johannes heiratete 1779 in Muttenz die einheimische Hebamme Salome Messmer (1748-1824) und erlangte das Bürgerrecht dieses Dorfes. Ihr Enkel Johannes (1807-1886) kam nach Basel, das 1833 seine Heimatgemeinde wurde. Im in den «Basler Nachrichten» vom 12. Februar 1886 erschienenen Nekrolog ist Folgendes zu lesen: «...unser Mitbürger Joh. Bärwart... einer der Veteranen unserer Handels- und Industriestadt, hat mehrere Jahrzehnte hindurch in demselben Fabrikationsgeschäft in verschiedenen Stellungen das Rechnungs- und Kassenwesen besorgt und ist dann seiner Treue und Zuverlässigkeit, wie seiner Fach- und Platzkenntnisse wegen zum Staatskassier gewählt worden. Nachdem er dieses verantwortungsvolle Amt so lange geführt, als ihm die mit zunehmenden Alter eintretende Kränklichkeit dies gestattete, trat er in das Privatleben zurück, ohne sich indessen von jeder Thätig'keit abzuschliessen. Vielmehr wirkte er noch mehrere Jahre als Mitglied der Steuerkommission mit, war auch in gemeinnützigen und anderen Anstalten nach Massgabe seiner Kräfte betheiligt und stets mit seiner reichen Erfahrung und seinem guten Rath auszuhelfen bereit. Die letzten Jahre seines Lebens brachten dem betagten Vater und Grossvater, der an seinen Kindern viele Freude erlebt hatte, schweres Leid, indem kurz nacheinander der Tod ihm mehrere seiner Angehörigen in den besten Jahren entriss. Joh. Bärwart war ein treuer und gewissenhafter Arbeiter, ein Mann von rascher Fassungskraft und klarem Blick, dabei bescheiden, wohldenkend und liberal, ein ächter Menschenfreund, der das Herz am rechten Fleck hatte.»

Da seine Söhne schon gestorben waren, erlosch mit ihm der Muttenzer beziehungsweise Basler Zweig der Bärwart.

Die Flachmalerdynastie
Der bereits genannte Friedrich (t 1812) erscheint in der Volkszählung von 1774 als Nagler und Tauner (= Taglöhner). Gewohnt hat auch er im Lindenhof. Er wird zusätzlich noch als Flachmaler bezeichnet. Zwei seiner drei zu Jahren gekommenen Söhne, mindestens zwei Enkel und zwei Urenkel ergriffen ebenfalls diesen Beruf, er hat sich damit weit über hundert Jahre lang in der Familie vererbt. Fried rieh junior (1777-1856), Maler, baute mit seiner Frau, der Bettingerin Anna Maria Hunziger (1787-1854), den Lindenhof aus, woran noch heute der Schlussstein «FBW/AMH 1823» erinnert. Sein Bruder Hans Jacob (1781-1849), gleichen Berufs, heiratete Anna Elisabeth Stücklin (1787-1857). Ihre Kinder waren ausschliesslich Mädchen. Die Tochter Anna Elisabeth (1811-1903) wurde zwar fünffache ledige Mutter. Sie konnte ihren Partner, den heimatlosen und ursprünglich aus Thüringen stammenden Tabakarbeiter Johann Gottfried Göttin (1806-1874), erst ehelichen, nachdem dieser Riehener geworden war: Die Einbürgerung erfolgte am 7. Oktober 1850 und die Hochzeit, mit der alle Kinder legitimiert wurden, am 29. des gleichen Monats. Erst diese Ehen verbanden den Mannesstamm der Riehener Bärwart auch familiär mit ihrem Bürgerort beziehungsweise mit Bettingen.

Die Eltern Bärwart-Hunziger zogen im Lindenhof neun Kinder auf. Den ältesten und den Jüngsten zog es nach Amerika: Der Flachmaler Georg Friedrich (1813-?) wanderte 1853 nach Wellsboro in Pennsylvanien aus. Obwohl verheiratet, hatte er keine Kinder. Samuel (1831-1865) kam mit seiner Frau und zwei Kindern bei der überfahrt «in Folge Brands und Untergang des Schiffs», wie es im Familienregister heisst, ums Leben.

Zwei Schwestern - Maria Barbara (1815-1895) und Elisabeth (1819-1884) - arbeiteten als Näherinnen. Wilhelm Bärwart (1857-1912), Sohn der letzteren, kam 1875 als «Commis» zur «Bâloise», wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Er zog nach Basel, wo er 1890 als einer der ersten Sozialdemokraten in den Grossen Rat gewählt wurde. Später stellte er seine Gaben in den Dienst der Konsumgenossenschaftsbewegung (heute Coop), zuletzt als Präsident des Aufsichtsrats.

Erwähnung verdient noch Andreas Bärwart (1786-1860), ein weiterer Bruder der Maler Friedrich und Hans Jakob. Er geriet in den Hungerjahren 1816/17 unter den Einfluss der erwecklichen Baronin Barbara Juliana von Krüdener (siehe RJ 1982, S. 30 f.), was politisch bedenklich war. Er wurde im Auftrag des Riehener Gemeindepräsidenten verhaftet, weil er, statt zu arbeiten, Flugschriften der Baronin umhertrage.

An der Schützengasse
Die ersten Häuser an der Schützengasse wurden als Ersatz für solche, die wegen des Eisenbahnbaus hatten weichen müssen, gebaut. Der Maler Johannes (1823-1903), ein Sohn Friedrichs, kaufte 1863 die damals neue Liegenschaft mit der heutigen Nummer 44. Zwei Söhne - wie Grossrat Wilhelm echte Cousins des Dichters Theobald - folgten ihm im Beruf: Jakob (1861-1896) und Samuel (1864-1896, gestorben an Bleiweissvergiftung). Der Arbeiter Jakob junior (1889-1970) wurde als Vater von acht Kindern Ahn einer grossen Nachkommenschaft. Samuels Witwe Maria Barbara, geborene Müller (1867-1948), verdiente ihr Brot als Wäscherin. Der Sohn Hans Bärwart (1891-1962) brachte es zum Wicklermeister und der Enkel Hans Emil (1920-1983) war bekannt als Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung sowie als Vorstandsmitglied der Bürgerkorporation.

Zurück zu Theobald
Der Bäckermeister Theobald Bärwart (1827-1908), ein weiterer Sohn von Friedrich und Anna Maria Bärwart-Hunziger, zog 1849 nach Basel. Aus seiner zweiten Ehe mit Maria Katharina Hilzer (1837-1904) von Tegernau im Kleinen Wiesental stammen der Kaufmann Johann Friedrich (1876-1943), er starb kinderlos, und Gustav Adolf (18741940), ebenfalls Kaufmann, der nach Antwerpen in Belgien auswanderte, wo die Familie der Basler Bärwart erloschen sein dürfte. Ihr Bruder war unser Schriftsteller mit dem vollen Namen Ludwig Theobald. Damit schliesst sich der Kreis.

Literatur (soweit noch nicht genannt): C[aesar] A[dolf] Bioesch: Geschichte der Stadt Biel und ihres Panner-Gebietes; Biel 1855 Werner Bourquin/Marcus Bourquin: Biel Stadtgeschichtliches Lexikon, Biel 1999 HBLS I (1921), S. 207 Walther Merz: Wappenbuch der Stadt Aarau, Aarau 1917
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