Erfrischendes Bad im Jungbrunnen

Michèle Faller

Ursula Nill, Ares Ceylan, David Fretz und Martin Stoecklin wurden mit dem Kulturpreis Riehen 2016/2017 geehrt. An der Preisverleihung boten sie so erfrischende wie hochkarätige Kostproben ihres Könnens.

Jungen Leuten ein Podium zu verschaffen und die Vielfalt in den Arbeiten dieser jungen Generation aufzuzeigen – das war die Idee der Kulturpreis-Jury. Also brach das Gremium mit der Tradition und verlieh den bisher jährlich ausgerichteten Preis letztes Jahr nicht, sondern kumulierte die Preissummen für die Jahre 2016 und 2017 – um 2018 gleich vier junge Menschen auszuzeichnen. So habe die Jury zu «in Riehen verwurzelten Kulturschaffenden» gefunden, «die daran sind, über das solide fachliche Können hinaus in die künstlerisch inspirierte Welt hineinzuwachsen», sagte Jury-Präsidentin Liselotte Kurth anlässlich der Preisverleihung am 1. Juni. «Ihre Arbeiten spiegeln die heutige Welt, stossen Veränderung an und fordern Antworten heraus.»

MUTIG, INNOVATIV, LEIDENSCHAFTLICH
Eine der vier in Riehen aufgewachsenen Kunstschaffenden ist die 1984 geborene Ursula Nill. Nach ihrer Ausbildung in Köln und Amsterdam arbeitete sie hauptsächlich als Performerin und Tänzerin; 2011 begann sie selber zu choreografieren. 2014 war sie für den Kölner Tanzpreis nominiert und erhielt ein Stipendium des Goethe-Instituts in Kyoto. 2016 schloss sie ihr Masterstudium in Choreografie an der Stockholm University of Arts ab. Ein Auszug aus der Würdigung von Gemeinderätin Christine Kaufmann anlässlich der Preisverleihung: «Ausgebildet in modernem Tanz, früh erfahren in der Arbeit mit Companies, wagt Ursula Nill schon in jungen Jahren den Sprung von der darstellenden zur planenden Künstlerin, von der Tänzerin zur Choreografin. Darin experimentiert sie mit jugendlichem Elan, sucht und findet sie ihre eigene Sprache.» Volle Aufmerksamkeit: Gäste der Kulturpreisverleihung erhalten per Videoinstallation Einblick ins choreografische Schaffen von Ursula Nill. Der zweite Preisträger ist der 1989 geborene Ares Ceylan, der 2011 den Bachelor of Arts in Publizistik, Kommunikationswissenschaft und Filmwissenschaft an der Universität Zürich erlangte. Mit dem Kurzfilm ‹Schulanfang, Achtung Kinder!› (2013) gewann er den Basler Filmpreis und heimste diverse Publikumspreise ein. Sein Kurzfilm ‹Puppenspiel› (2015) wurde bisher an 23 internationalen Filmfestivals gezeigt. Seit 2016 studiert er szenische Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Während der feierlichen Preisübergabe hiess es: «Ares Ceylan überzeugt durch die prägnante, ideenreiche Bildsprache und die bedeutsamen Denkanstösse. Seine innovativen Kurzfilme erschliessen aktuelle gesellschaftliche Begebenheiten und deren Hintergründe. Die Ästhetik der Bilder verführt, ohne über Abgründe hinwegzutäuschen. » David Fretz ist der Name des dritten Preisträgers; in seiner Kunst besser unter dem Namen ‹Skinny Fresh› bekannt. Der 1991 Geborene kam erstmals als Zehnjähriger in San Diego mit Hip-Hop in Berührung. Mit elf schrieb er seine ersten Reime, 2014 zog er mit seiner Band am internationalen Band-Contest ‹Emergenza› ins Finale ein. Ein Meilenstein wurde die Zusammenarbeit mit ‹Delinquent Habits› aus Los Angeles ab 2016. Sein Debütalbum ‹The Millennials Tape› erschien im Januar 2018. «Skinny Fresh interpretiert den Rap neu», so Christine Kaufmann beim Überreichen des Preises. «Seine ausgeprägte Musikalität verbindet er mit einer präzisen sprachlichen Ausdruckskraft. Seine lyrischen Texte sind feinfühlig und vielschichtig. Mit leidenschaftlichem Engagement bereichert er die internationale Hip-Hop-Szene.»

BESTECHENDE ZEITLOSIGKEIT
Der 1983 geborene Martin Stoecklin macht das preisgekrönte Quartett komplett. Er studierte Visuelle Kommunikation an der Zürcher Hochschule der Künste; seit 2014 ist er selbstständig. Er konzeptioniert und gestaltet Publikationsprojekte und visuelle Auftritte: gedruckt, im Raum und im Netz. Auftraggeber sind unter anderem die Kunsthalle Basel und die ETH Zürich. Zuletzt gestaltete sein Studio den visuellen Auftritt und die Begleitpublikation des mit dem Goldenen Löwen preisgekrönten Schweizer Pavillons ‹Svizzera 240: House Tour› an der 16. Architekturbiennale in Venedig. An der Riehener Kulturpreisverleihung wurde er wie folgt gewürdigt: «Martin Stoecklins Arbeiten loten die ganze Bandbreite der visuellen Kommunikation aus. Sie reichen von der Gestaltung herausragender Plakate bis hin zu Installation und Kunst – und bestechen durch Einfachheit, Klarheit, Zeitlosigkeit.» Vom Talent der vier Preisgekrönten konnte sich das Publikum der Kulturpreisübergabe direkt überzeugen: Mit einer charmanten, witzigen und sowohl tief- als auch hintergründigen Präsentation unter dem Titel ‹Inspirationsschlange› boten sie Einblick in ihr vielseitiges Schaffen. Die in Stockholm lebende Ursula Nill zeigte in drei Videos, wie sie sich an unmöglichen Aufgaben abarbeitete – dem arbeitenden Körper gilt ihr allgemeines Interesse. Die Videos, in denen unter anderem zu sehen ist, wie die Tänzerin versucht, eine glatte Hausmauer hinaufzuklettern, schickte sie an den in Riehen wohnhaften Musiker David Fretz alias Skinny Fresh. Das Bild des ewigen Kampfes mit der Wand kenne er als Künstler gut, sagte der Rapper. Es inspirierte ihn zu einem Vierzeiler, aus dem später der Song ‹Final Call› wurde. Darin geht es ums positive Denken, egal, ob man mit dem Rücken zur Wand steht oder mit dem Kopf durch die Wand muss. Er sei es als visueller Gestalter gewohnt, Texte zugeschickt zu bekommen und dann etwas daraus zu machen, erklärte der in Zürich tätige Martin Stoecklin, der Fretz’ Vierzeiler per E-Mail erhielt. Er liess sich von der Form des Textes inspirieren und gelangte anhand der Anzahl Vokale und eines grosszügigen Strichs zur Zahl 8. In seinem Fotoarchiv stiess er auf eine Reinzeichnung einer ‹8› des Schweizer Schriftgestalters Adrian Frutiger, die er an Ares Ceylan schickte. «Man kann viel machen mit einer ‹8›», stellte der Filmemacher fest und präsentierte einen eigens für die Preisverleihung produzierten Kurzfilm, in dem nicht nur eine Achterbahn vorkommt, sondern der auch von der Wiederholung handelt, die der Zahl innewohnt.

GRUSELN AUF HÖCHSTEM NIVEAU
Nach diesem inspirierenden künstlerischen Experiment konnte der geweckten Lust auf Mehr gefrönt werden: Im Bürgersaal rappte Skinny Fresh zusammen mit der Sängerin Svmthox und DJ Dani F, im Foyer des ersten Obergeschosses waren Plakate und Drucksachen von Martin Stoecklin zu bewundern und in den Sitzungszimmern gab eine Videoinstallation von Ursula Nill Einblick in ihr choreografisches Schaffen, während im Raum nebenan die Kurzfilme ‹Schulanfang, Achtung Kinder!› und ‹Puppenspiel› von Ares Ceylan einen das Gruseln auf höchstem Niveau lehrten.

Diesen Artikel finden Sie im Jahrbuch z'Rieche 2018

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