Tiermotive in Kunstwerken

Ursula Meier

Tiere beschäftigen die menschliche Fantasie seit Urzeiten. In der Kunst verschiedenster Kulturen und Epochen kommt ihnen eine grosse symbolische Bedeutung zu. Dies zeigt sich auch bei einem Rundgang durch die Fondation Beyeler.

Auf meinem Streifzug durch die Museumsanlage stosse ich bereits im Garten auf die ersten Tiere. Am Naturstein-Gebäude von Renzo Piano entlanggehend, kreuze ich einen Feuersalamander. Alsbald vernehme ich auf der Südseite des Museums nebst dem Quaken der Frösche auch das Summen von Bienen aus zwei Bienenhäusern auf Holzbrettern, die wie Skulpturen anmuten. Museumsgründer und Sammler Ernst Beyeler hat diese Bienen eigenständig kultiviert. Seit seinem Tod werden sie von Experten betreut. Gerne sprach Beyeler davon, dass sein Name ‹Bienenzüchter› bedeutet, und stellte seine Aufgabe in diese Tradition: Er sammle Kunst wie Bienen Blütenstaub, um daraus Honig zu machen.

DIE FASZINATION VON TIERDARSTELLUNGEN
Das Thema ‹Tier› in der Kunst ist unerschöpflich. Doch was macht dieses packende Phänomen aus und wie sieht sich der Mensch im Tier widerspiegelt? An die Wände gemalte oder eingeritzte Stiere in den Höhlen von Lascaux zählen zu den frühesten prähistorischen Zeugnissen des Menschen. Nach frühchristlichen Motiven wie dem Fisch und dem Lamm Gottes als Zeichen für Christus, den Evangelistensymbolen oder in der Gotik und Renaissance Ochs und Esel als Sinnbilder der Heiligen Nacht werden ab dem 17. Jahrhundert zunehmend reale statt symbolische Tierwesen gemalt. Johann Wolfgang von Goethe bemerkt 1824 zu einem Kupferstich von Johann Heinrich Ross, der eine Schafherde abbildet: «Mir wird immer bange, wenn ich diese Tiere ansehe, das Beschränkte, dumpfe Träumende, Gähnende ihres Zustandes zieht mich in das Mitgefühl desselben hinein, man fürchtet zum Tier zu werden und möchte fast glauben, der Künstler sei selber eines gewesen.»1 Dieses Einfühlen ins Innenleben des Tieres wirkt anrührend und modern zugleich. Augenscheinlich bleibt jedoch in der europäischen Kunst die Herrschaftsbeziehung von Mensch und Tier bestehen. Im Realismus sind Nutztiere wie Kühe und Schafe, Gänse und Hühner auf Wiese und Acker abgebildet, allermeist aber Pferde mit ihren Reitern in Schlachtdarstellungen, heil oder verletzt. Im Barock wurden in bürgerlich ausstaffierten VanitasStillleben bevorzugt tote Fische und Vögel in dynamisch geschwungenen Formen und mit glänzenden Oberflächen gemalt. Das Leiden der Tiere wurde dem Betrachtenden mehr oder minder ungeschönt vor Augen geführt. Spielende Kälbchen in Darstellungen des Schweizer Malers Rudolf Koller aus dem 19. Jahrhundert empfinden wir hingegen als besonders niedlich.

DIE IDEE ‹TIER› UND DIE SEHNSUCHT NACH DER NATUR
In der Sammlung der Fondation Beyeler spielt die Auseinandersetzung der avantgardistischen Kunst des 20. Jahrhunderts mit der Natur und dem Tier eine grosse Rolle. Im Eingangsbereich fesselt uns der Anblick eines Löwen, der eine Antilope zwischen den Zähnen hält. Das grossformatige Gemälde ‹Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope› (1898/1905) arbeitete der französische Maler Henri Rousseau sehr sorgfältig aus. Doch stellen wir uns den wilden Dschungel und einen furchterregenden Beutekampf so vor? Die Szenerie wirkt auf den zweiten Blick kunstvoll komponiert, starr und irreal. Exakt in der Bildmitte, ist das Geschehen unter einem romantischen Sonnenuntergang platziert, inmitten von einem präzise zusammengestellten Sammelsurium aus Sträuchern und Bäumen, das wie ein Herbarium wirkt. Blatt um Blatt, Halm um Halm sind minutiös gemalt, doch stimmt dabei die Licht- und Schattengebung nicht. Und was für kuriose Gestalten tummeln sich denn in diesem Dickicht und im Halbbogen um den kulleräugigen, Plüschtier-ähnlichen Löwen und die unnatürliche Antilope? Es sind insektenfressende Vögel, ein lieblich wirkender Panther und ein Mischwesen aus Affe und Bär. Menschen in den Städten kannten exotische Tiere damals nur aus zweiter Hand. Auch Rousseau blieben Fernreisen verwehrt. Vorlagen für seine Pflanzen und Tiere fand er in Zeitschriften und Botanischen Gärten in Paris.2 Tiere wurden also nach wie vor für träumerische Vorstellungen und als Projektionen eigener Ideen und Sehnsüchte benutzt. In der Gegenüberstellung kannten die Assyrer den Löwen sehr wohl, was die zuverlässige Anatomie trotz der ornamentalen Gestaltung auf einem Relief der Mesopotamischen Kunst aus dem dritten Jahrtausend vor Christus belegt. Auch im alten Ägypten blieben Katze und Falke trotz göttlicher Verehrung authentisch gestaltete Tiere.

KUNST MACHT SICHTBAR
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelte sich in den grossen Städten Europas im Zusammenhang mit der modernen Entfremdung von der Natur eine Rückbesinnung auf ursprüngliche Lebensformen. Dabei kam es zu einer Neubewertung des ‹Primitiven›. Kunstschaffende, allen voran in Paris, waren von Ritualobjekten fasziniert. Sie interessierten sich für die Ästhetik von Masken und Skulpturen, die eine enge Verbindung mit Religion und Magie aufwiesen. Auch Ernst Beyeler sammelte ethnografische Kunst. Ein Teil der Sammlung besteht aus Werken aus Afrika und von indigenen Völkern Amerikas. Aus Ozeanien, genauer aus Neuirland, stammt der Kopf einer lebensgrossen ‹Malanggan›-Puppe, auf dem ein Nashornvogel sitzt. Das geschnitzte Holz ist mit schwarzer, weisser und roter Naturfarbe bemalt und die Vogelaugen bestehen aus dem Verschlussdeckel einer Meeresschnecke. Auch Fische, Schlangen, Schweine, Beutetiere, Eidechsen und Krebse sind in ‹Malanggan›-Puppen eingearbeitet; am häufigsten jedoch der Nashornvogel als grösster Vogel Neuirlands. Unter ‹Malanggan› versteht man nicht nur Gegenstände und Schnitzereien für Verstorbene, sondern auch Rituale, die oft erst nach Jahren und gleich für mehrere Verstorbene durchgeführt werden. Die Aufstellung der Figuren als Sinnbild besonders grosser Schöpferkraft ist ein Teil der Totenfeiern. Nicht selten werden sie danach zerstört.3 Weitere Tiermotive finden wir in zwei reizvollen Siebdrucken mit den Titeln ‹Océanie, la mer› und ‹Océanie, le ciel› von Henri Matisse, beide von 1946/47. Sie stellen eine Naturoase und zugleich einen Ort der Sehnsucht dar, denn Henri Matisse war von Tahiti angetan. In diesen Kompositionen sind Vögel, Blätter, Fische, Algen und sonstige Ornamente in einer Einfachheit und Leichtigkeit gestaltet, dass dieser Gleichklang, die Einheit in der Vielfalt, paradiesisch anmuten. Auch Max Ernst interessierte sich für die aussereuropäischen Erscheinungsformen und Abstraktionen in der Kunst. Nach seiner Emigration in die USA legte er sich eine Sammlung indianischer Kunst an. Eine spielerische Haltung findet sich in der ausdrucksstark patinierten Gipsfigur ‹Der König spielt mit seiner Königin› (1944). Ein gehörntes, an einen Stier und Teufel erinnerndes Wesen mit vornübergebeugtem Oberkörper thront über sieben ‹Schachfiguren›: Obgleich sie in einfachen kubischen Formen gehalten sind, nimmt man Bauern, das Pferd, den Läufer und die Königin wahr. Eine Figur hat der König bereits erobert und versteckt sie hinter dem Rücken. Wird er sich auch der Königin bemächtigen? Damit referiert das Werk möglicherweise auf das private Spiel mit seiner Geliebten und künftigen Ehefrau, der Künstlerin Dorothea Tanning, und gleichzeitig auf die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Deutschland.4

FANTASMEN UND WIRKLICHKEIT
Mehrere Gemälde und eine Skulptur des katalanischen Künstlers Joan Miró sind im Besitz der Fondation Beyeler. Dieser schloss sich 1919 in Paris dem Kreis der Surrealisten an. 1927 schuf er das Bild ‹Paysage (Paysage au coq)›, offensichtlich ein Landschaftsbild, das gängige Vorstellungen unterläuft. Das Gelände steigt und fällt zugleich in die Tiefe, was man an der perspektivisch gezeichneten Himmelsleiter gut feststellen kann. Die Landschaft ist spärlich bestückt und wirkt durch die Steine wüstenartig. Ein krähender Hahn schwebt über einer Scheune, die auf der Horizontlinie steht. Er weist collageartige Züge auf, setzt er sich doch aus einem orangegelben, runden Kopf, zwei weit geöffneten, braunen Schnabelhälften und einem grossen, rot gezackten Kamm zusammen. Der Körper hingegen wirkt wie eine grüne Mondsichel, worauf der Kopf balanciert.5 Die Sammlung der Klassischen Moderne wurde nach Ernst Beyelers Tod besonnen ergänzt. So kam auch die Fotoarbeit ‹Dead Owl› (1997) von Roni Horn dazu. Es sind zwei Irisdrucke, eine seltene Technik. Das Motiv der ausgestopften Eule – dem mystischen Vogel der Weisheit und Freiheit – lässt uns in die Realität zurückkehren und an die Ausbeutung der Tiere und die Beschneidung ihrer natürlichen Lebensräume denken. Nach dem Rundgang mit exemplarischen Arbeiten komme ich im Museumsgarten an der augenzwinkernden Brunnenfigur ‹Hase› (2013) von Thomas Schütte vorbei, die in hohem Bogen Wasser aus dem Mund spritzt. Genau genommen betrachten wir eine zeitgenössische Adaption einer Chimäre, eines Mischwesens, das der Künstler nach einem Vorbild von seiner Tochter als ‹Allzweckheiligen› für Ostern, Weihnachten und alle weiteren Feste im Jahr schuf.6 Der Streifzug hat gezeigt, dass nicht nur Kindern ein fantasievoller und unbefangener Umgang mit dem Tier vorbehalten bleibt. Sowohl in der Kunst der Klassischen Moderne als auch in der Gegenwartskunst der Sammlung Fondation Beyeler lässt sich verstärktes Einfühlen in die Natur ausmachen. Tiere werden sowohl real als auch symbolisch dargestellt und fesseln uns als animalische Ebenbilder.

1 Johann Peter Eckermann: Gespräche mit
Goethe in den letzten Jahren seines Lebens,
Frankfurt am Main 1981, Kapitel 37.

2 Vgl. Daniel Kramer: Henri Rousseau: Le lion
ayant faim … (1898/1905), in: Fondation Beyeler
(Hg.): Ansichten, Heft 1, Riehen 2004.

3 Vgl. Markus Schindlbeck: Neuirland. Zur
Geschichte von Neuirland, in: Kulturstiftung
der Länder (Hg.): Patrimonia 221, Berlin 2010.

4 Vgl. Daniel Kramer: Max Ernst, in: Fondation
Beyeler (Hg.): Ansichten, Heft 14, Riehen 2011.

5 Vgl. Stefanie Bringezu: Joan Miró, in: Fondation
Beyeler (Hg.): Ansichten, Heft 13, Riehen 2011.

6 Vgl. www.kunstgebiet.ruhr/kunstform/
landmarken/hase/, Zugriff: 17.09.2018.

Diesen Artikel finden Sie im Jahrbuch z'Rieche 2018

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