Autoren in Riehen Der Krimiautor Peter Studer

Marlene Minikus

«Am frühen Abend eines lauen Spätfrühlingstages flog ein satter Rabe vom Tüllinger Hügel her über die Riehener Dorfkirche zum Wenkenköpfli hin.» So fängt der erste Kriminalroman des Riehener Autors Peter Studer an. Er trägt den Titel «Es begann in Basel» - beginnt aber eigentlich in Riehen: Tüllinger Hügel, Dorfkirche, Wenkenköpfli: präzise Angaben zu uns allen bekannten örtlichkeiten. Die vertrauten Schauplätze sind es auch, die einen Teil des Reizes der Studerschen Krimis ausmachen.

Studers Leben allerdings begann 1932 in Basel, wo er, zusammen mit zwei jüngeren Schwestern, an der Delsbergerallee 17 aufwuchs. Dort wohnten auch seine Grosseltern sowie sein Onkel und Götti, und ganz in der Nähe, in Nummer 54, wurde seine Mutter geboren. Wir begegnen diesen und vielen andern in der Biographie Studers wichtigen Adressen und Fakten in seinen Büchern wieder. Wegen schwerem Asthma, das sich erst in den Entwicklungsjahren wieder verlor, wurde der Erstklässler Peter schon nach einem Vierteljahr vom Schulbesuch dispensiert und dann von seinem Grossvater, einem ausgebildeten Lehrer, privat unterrichtet. 1942/43 lebte er in Davos bei seiner Gotte. Später besuchte er das Institut Athenäum in Basel, legte die eidgenössische Matur ab und studierte anschliessend in Basel Chemie.

Das Krimischreiben hingegen: Es begann in Riehen. Mit seiner Frau Rita, geborene Eggenschwiler, mit der er 1967 den Bund der Ehe geschlossen hatte, war Peter Studer am 23. April 1971 an den Ausserberg in Riehen gezogen, und seit März 1981 wohnt das Paar mitten im Dorf an der Baselstrasse. Der 1986 erschienene Erstlingskrimi hat eine lange Vorgeschichte: 17 Jahre hatte Studer nämlich das Manuskript jeden Sommer in die Ferien ins Lessin mitgenommen. Als der ursprünglich nur für ihn und seine Frau bestimmte Roman schliesslich fertig war, gab er ihn auch seinen Eltern zum Lesen. Seine Mutter war begeistert, und sein Vater meinte: «Nicht schlecht!». Das gab den Ausschlag: Peter Studer entschloss sich, die Geschichte zu veröffentlichen. Die nächsten Titel erschienen dann in rascher Folge: 1989,1990,1992,1993,1994...

Der Mensch Peter Studer ist aber nicht auf den Krimiautor zu reduzieren, und dieser nicht zu trennen vom Wissenschafter und vom Direktionsmitglied Dr. Peter Studer, ebensowenig wie vom Schüler Peter. «Meinen lieben Eltern gewidmet» ist die Dissertation, mit der Peter Studer 1963 an der Universität Basel die Doktorwürde in Chemie erlangt hat. Das Verfassen dieser Untersuchungen über eine auf den Kanarischen Inseln heimische Digitalis-Art, mit Analyse, Synthese und forschendem Experimentieren, ging dem Krimischreiben zeitlich weit voraus; gerne geschrieben hat aber bereits der Schüler: anschaulich, farbig und nicht ohne ein gewisses Pathos, voller Lust am Fabulieren und Formulieren. «Kriminell» gings schon beim Siebzehnjährigen zu: «Die gestohlene Krawattennadel» heisst ein Aufsatz, der bereits als «typisch Studer» erkennbar ist.

Seine Krimis tragen zwar keine Widmung mehr auf dem Deckblatt. Aber «ich liebe meine Leser und möchte sie in erster Linie unterhalten und ihnen Freude bereiten und vielleicht auch ein wenig von den Alltagssorgen ablenken», sagt Studer. Er möchte sie «nicht belehren», aber seine Figuren sollen manchmal «etwas sagen, das irgend jemandem jetzt gerade gut tut». Dass Studer die Menschen liebt, scheint nichts daran zu ändern, dass er sich über ihre auch schlechten Eigenschaften und Strebungen wenig Illusionen macht. Das zeigt schon sein erster, inzwischen vergriffener Krimi mit dem Titel «Es begann in Basel». Dort kennt der Gastgeber (dem wir gleich darauf als Leiche begegnen), «den unbändigen Unabhängigkeitswillen seines Freundes» und weiss, «wie dieser mit seiner offenen, grundehrlichen Lehenseinstellung unter den Intrigen des Wirtschaftslebens» leidet.

Es ist auch ein offener, grundehrlicher Studer, der seine eigenen Erfahrungen höchst zweifelhafter Gepflogenheiten unserer Gesellschaft in seine Krimis einfliessen lässt. Studer, gewesenes (und «elegant» und vorzeitig pensioniertes) Direktionsmitglied einer Basler Chemiefirma, in der er 25 Jahre tätig war, «verarbeitet» in seinen Geschichten nicht nur seine Umgebung und alltägliche Begeben heiten, sondern auch sich selber: In vielen seiner Figuren finden wir Autobiographisches. Etwa im zurückhaltenden, gescheiten, aber etwas tiefstapelnden Kommissar Max Affolter, dem passionierten Pfeifenraucher, der - weil er «nicht mehr der Jüngste» ist - nach der Vorstellung seines Vorgesetzten, Polizeidirektor Harzenmosers, einen Fall abgeben sollte, weil es «für so einen aussergewöhnlichen Fall» eben junge Kräfte brauche. Sein eigenes Ausscheiden aus dem Erwerbsleben allerdings lobt Studer heute als «das Beste, was mir passieren konnte!», denn nun findet er Zeit für seine Hobbies, allen voran die Paläontologie und das Krimischreiben.

Peter Studer war von jeher fasziniert von der Wissenschaft, die sich mit den Lebewesen aus längst vergangenen Zeiten befasst, und schon in seiner Jugendzeit ein begeisterter Fossiliensammler. Von einer Exkursion an den Südrand des alpinen Meeres Tethys hätten er und seine Frau einmal 27 Kilo Steine mit nach Hause gebracht, erzählt er, und beim Fossiliensammeln auch bis heute immer wieder Freunde gefunden. Studer liebt es, zu beobachten, Spuren zu lesen und daraus Schlüsse zu ziehen: «Spuren lesen ist grossartig!» findet er. Die Lust an der präzisen Beobachtung, an der intelligenten, folgerichtigen Schlussfolgerung aus vielfältigen Indizien hat die kriminalistische Ader Studers geweckt. In jedem Krimi gibt es deshalb Aussagen über Paläontologie oder auch über Edelsteine. Das Krimischreiben macht ihm Spass: Es sei ein grosses Vergnügen, eine spannende Geschichte mit präzisen Zeit- und Ortsangaben zu erfinden, die sich in unserer Zeit und Gegend abspielt.

Sobald die frei erfundene Handlung eines Krimis feststeht, sucht sich Studer aus einer dazu angelegten Kartei mit Fotos aus Zeitschriften die Gesichter seiner Personen heraus, gibt ihnen einen Namen, ein Geburtsdatum. Für eine ihm bekannte böse Person, die er darstellen will (und die er dann im Krimi ihrer gerechten Strafe zuführt), nimmt er jedoch zunächst ein ihr ähnliches Foto, das er dann durch einen «passenden» Tierkopf ersetzt. Dann erst beginnt er mit Schreiben. Den jeweils aus vier Wörtern bestehenden Titel erhalten seine Romane in der Praxis meist erst im letzten Moment. Die Titelbilder der beiden letzten Krimis wurden von seiner Frau Rita fotografiert.

Einigen seiner Figuren, vor allem dem Kriminalkommissar Max Affolter und seinem Vorgesetzten, Polizeidi rektor Harzenmoser, den Detektiven Emil Klötzli und Paul Märki - wie liebevoll bezeichnend die Namensgebungen - begegnet der Leser ebenso wie den Polizeiassistentinnen Claudia Denner und Daniela Müller in allen Kriminalromanen Studers. Bald kann sich der Leser über seinen Informationsvorsprung gegenüber den handelnden Personen freuen, wenn Studer ihn an seinen überlegungen und Einsichten teilhaben lässt, - bald wird er ebenso wie diese von neuen Entwicklungen überrascht.

Studer schreibt nicht für Supergescheite oder solche, die sich dafür halten. Seine Liebe gehört in erster Linie den einfachen, kleinen Leuten, und sie will er mit seinen Büchern unterhalten. Allerdings sind die Kriminalfälle keineswegs einfach und leicht durchschaubar, sondern ziemlich komplex. In die Krimis eingestreute Zitate und Fabeln dienen der zusätzlichen Sinndeutung. Die Moral von der (Kriminal-)Geschichte wird nicht ausgelassen. Es ist durchaus tröstlich gemeint, wenn Peter Studer schreibt: «Man wird immer erwischt!»

Schon der erste Studer-Krimi endet mit den Worten: «Es bestätigt sich im Leben eben immer wieder, dass keine noch so ausgeklügelte Planung blindes Glück ersetzen kann. Eine Biene (...) hat hier den Scharfrichter gespielt, nach einem nicht zu verstehenden oder einfach zufälligen Gesetz. Harzenmoser dachte an die Einsteinworte: <Gott würfelt nichth ». In «Rätselhaftes Duell in Basel», Studers zweitem Krimi, geht es um Mord und Versicherungsbetrug und um ein vom mehrfa chen Mörder arrangiertes tödliches Duell unter LSD-Einfluss. Doch «Kommissar Affolters Axiom, dass die Sonne alles einmal an den Tag bringen wird, schien sich auch hier zu bestätigen».

Das Böse allerdings bleibt ein Geheimnis: «Jetzt zerbiss Kommissar Max Affolter vor in ihm aufsteigender Wut beinahe das Mundstück seiner Pfeife! War so etwas möglich? Das Böse in der Welt würde stets mit unserem menschlichen Verstände ein nicht erfassbares Geheimnis bleiben, grübelte Kommissar Max Affolter. (...) Da wollte er schon lieber Polizeikommissar als Pfarrer seht.»

Immer wieder kommt in Studers Büchern, direkt oder indirekt, sein Steckenpferd, die Paläontologie zur Darstellung: «Als <angefressener> Amateur-Paläontologe hatte er die Unbekümmertheit, sich über alles seine eigenen Vorstellungen zu machen. Er war bezüglich des Fossiliensuchens ein überdurchschnittlich guter Beobachter und wurde deswegen insgeheim auch von Fachleuten sehr geschätzt.» Von besonderem Reiz ist daher der Krimi «Raben lässt man fliegen», der auch in Fachkreisen bekannt und in der Basler Universitäts-Bibliothek zu finden ist. Wiederum geht es um Mord und grossangelegten Diamantenschmuggel mittels Fossilien. «Gedankenschwer sinnierte Max Affolter: <Raben lässt man fliegen, Tauben fängt man.> Die Menschheit musste sich auch in den letzten 2000 Jahren kaum geändert haben; wie anders hätte der römische Kriminalschriftsteller Juvenal - als Zeitgenosse eines gewissen Pontius Pilatus - diesen Satz sonst damals schon schreiben können?» - Im vierten Krimi «Die Tote vom Claraplatz» spielt ein weiteres Hobby Studers eine Rolle: das Sammeln von Schlüsseln und alten Tür- und Truhenschlössern, aber auch der Chemiker mit seinen Fachkenntnissen kommt hier zum Zug. Und wieder sind es vertraute Schauplätze: Welcher Leser von «Die Tote vom Claraplatz» hätte sich nicht schon an das Buch erinnert, wenn er dort auf den Sechser wartete?

An den bis heute ungeklärten Mordfall Seewen klingt der nächste Krimi an: «Ein fast perfekter Massenmord». Der Tatort: «Das Rebhäuschen lag auf zwei Seiten wirklich in absoluter Grenznähe zu Deutschland inmitten eines gepflegten Rebbergs, wo der bekannte und lokal sehr geschätzte Riehener Schlipfer wächst» (also nahe der Stelle, wo heute der Brunnen von Bettina Eichin steht). Natürlich wird der Mörder in diesem 1993 erschienenen Buch gefasst und von Kommissar Affolter auch schon mit der neuesten wissenschaftli chen Methode anhand der Erbsubstanz identifiziert, aber «wichtig war hier nur, dass klar gezeigt wurde, dass sich Verbrechen, auf lange Sicht gesehen, nie lohnen. Es gibt eine menschlich nicht beweisbare Art von Gerechtigkeit, welche unvermittelt eingreift und unverrückbare Grenzen setzt! Das lehrt einen die Lebenserfahrung!»

Man kann sich fragen, wie Studer dazu kommt, ausgerechnet Mordgeschichten zu schreiben. In allen seinen Krimis geht es nämlich um Mord, mehrfachen Mord sogar. Er wird in seiner ganzen krankhaften Brutalität, Hässlichkeit und Verabscheuungswürdigkeit und letztlich in seiner Sinnlosigkeit sichtbar. Studer sieht die hässlichen Seiten des Lebens sehr wohl und nimmt sie als Realität, doch ohne in seinem Glauben an das Gute im letzten erschüttert zu werden. Mit den Belastungen durch alles üble unserer Zeit umzugehen, hilft ihm sein Glaube; er gibt «Gelassenheit und eine gewisse Sicherheit».

«Verbrechen lohnen sich wirklich nie! Die Wurzeln zu diesem grauenhaften Verbrechen reichten bis tief in die menschliche Psyche hinab», heisst es im jüngsten Krimi mit dem Titel «Grossindustrieller in Basel ermordet». In ihm lässt Studer sein Insiderwissen über die internationale Vermarktung rezeptfreier Medikamente und das wohl nicht nur in dieser Branche übliche, oft fragwürdige Geschäftsgebaren einfliessen: sein Wissen um Verlogenheit und perfide Intrigen, um menschliche Niedertracht und eiskalte Berechnung, die buchstäblich über Leichen geht. Wie immer deckt Studer Geldgier und Geltungssucht als Wurzeln des Bösen auf und lässt einen seiner Protagonisten sogar sagen: «Wenn es ums Geld geht, stehen auch wir Schweizer unseren mafiaverseuchten Nachbarn sehr, sehr nahe.»

Publikationen

Kriminalromane von Peter Studer: «Es begann in Basel», 1986 (vergriffen); «Rätselhaftes Duell in Basel», 1989; «Raben lässt man fliegen», 1990; «Die Tote vom Claraplatz», 1992; «Ein fast perfekter Massenmord», 1993; «Grossindustrieller in Basel ermordet», 1994; alle erschienen im Buchverlag Basler Zeitung, Basel.

 

Diesen Artikel finden Sie im Jahrbuch z'Rieche 1994

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