Holundersirup und Habermark-Chilbi

Marie Strohbach-Tanner

Im vergangenen Frühjahr habe ich, mit vielen andern Leuten, das renovierte Dannacherhaus besichtigt. Als ich durch die Räume ging, durch das hohe Tenn und die alte Stube, da kamen mir Erinnerungen an meine Jugendzeit in den Sinn. Das schöne alte Haus mit der Wirtschaft «Zur Waage» gehörte damals unsern Verwandten, der Familie Dannacher; Elisabeth Dannacher-Tanner war eine Schwester meines Vaters und mit ihm zusammen in Riehen aufgewachsen; sie wurde von uns allen Tante Elise genannt. Ihre einzige Tochter Elisabeth, meine Cousine Elsy, war nur wenige Monate älter als ich, und wir verstanden uns sehr gut. Manchmal, wenn ich die Schule aushatte - ich besuchte damals die Sekundärschule im Burgstrasse-Schulhaus huschte ich noch schnell zu Elsy. Die grosse, dunkel getäferte Wirtsstube, die beinahe das ganze Erdgeschoss einnahm, war für mich faszinierend. Den Wänden entlang standen grosse rechteckige Tische mit sechs oder acht Holzstühlen; der schwarze Kanonenofen, der die Mitte des Raumes einnahm, verbreitete im Winter wohlige Wärme. Meist waren nur wenige Gäste da: ein paar Bauern, die sich eine Arbeitspause gönnten, ein paar Stammgäste aus der Stadt, die gerne hier einkehrten und mit den Riehener Bauern plauderten.

Tante Elise verstand das Wirten sehr gut; sie hantierte hinten am Buffet, auf dem Gläser und Karaffen aufgereiht waren, zapfte Bier am Hahn, oder holte mit einer Karaffe Wein aus dem tiefen Keller. Dannachers Wirtschaft war bekannt für den guten Markgräfler Wein, der in grossen Fässern im Keller lagerte und der von Tante Elise stets eigenhändig heraufgeholt wurde. Wir Kinder durften die lange, steile Stiege, die direkt aus der Wirtschaft in den Keller hinunter führte, nie betreten und neckten oft die Tante, ob sie wohl dort unten einen Schatz vergraben habe.

In der Wirtschaft «Zur Waage» wurden keine Mahlzeiten serviert, dafür aber Znüniplättchen mit Käse, Schinken oder Aufschnitt, welche Tante Elise in der kleinen Küche hinter dem Buffet zubereitete. Elsy und ich bekamen manchmal einen Holunder- oder Himbeersirup am runden Familientisch, der vor dem Buffet stand - die Gaststube diente ja gleichzeitig auch als Wohnstube für die Familie.

 

Am meisten aber interessierten uns die verschiedenen Zeitungen und Heftli, die in der Wirtschaft lagen, besonders das Zofinger Tagblatt, in dem es immer so lustige Kurzgeschichten gab. Oft verschwanden wir im oberen Stock, wo wir uns in Elsys kleinem Stübchen oder auf der Laube in den Lesestoff vertieften. Plötzlich ertönte dann unten an der Treppe Tante Elises Stimme: «Habt ihr wieder die Zeitungen mit hinaufgenommen? Bringt sie sofort hinunter, ein Gast will sie lesen!»

Faszinierend war für mich natürlich auch die öffentliche Waage, die vor dem Haus stand. Wenn etwa ein Bauer mit einer Kuh kam, die gewogen werden sollte, oder ein hochbeladener Heuwagen auf die Waage gefahren wurde, nahm Tante Elise einen Schlüssel, eilte vors Haus und stellte die Waage ein. In einem kleinen Heft notierte sie die Daten und Gewichte.

Oft hielten Elsy und ich uns auch in dem grossen schönen Garten auf, der sich hinter dem Haus bis zum Immenbächlein erstreckte. Da gab es Gemüse und Beeren aller Art und auch viele Blumen, besonders schöne Rosen. Mein Onkel, Ernst Dannacher, der sich für die Wirtschaft weniger interessierte, pflegte diesen Garten sehr sorgfältig. Er besass den Steinbruch beim Bierkeller an der Bettingerstrasse, und so waren im hohen Tenn des Dannacherhauses nur wenige landwirtschaftliche Geräte eingestellt, dafür aber grosse Fuhrwerke, und im Stall standen die Pferde.

Auch ein grosses schönes Break1) stand im Schopf, wohlverwahrt unter Tüchern. War das eine Freude für uns Kinder im Meierhof, wenn mein Vater zu einem meiner Brüder sagte « Geh zum Vetter Ernst und frag ihn, ob wir am Sonntag das Break haben können zum Ausfahren». Da wurden dann die Rossgeschirre unserer beiden Apfelschimmel geputzt und geglänzt, und am Sonntag gab's eine herrliche Ausfahrt, zweispännig, etwa zu den Verwandten in Pratteln.

In unserer Haushaltung im Meierhof, den meine Eltern 1894 gekauft hatten, ging es bedeutend lebhafter zu als im Dannacherhaus. Auch mein Vater besass einen Steinbruch, am Rank oberhalb Bettingen, und er betrieb eine Fuhrhaiterei. Daneben besorgte er aber mit mehreren Knechten unsere ausgedehnte Landwirtschaft mit Kornfeldern und Wiesland und einem Dutzend Kühen im Stall. Kein "Wunder, dass wir Kinder - wir waren zu siebt, drei Mädchen und vier Buben - auch mithelfen mussten, im Haus und auf dem Feld. Ich liebte die Arbeit auf dem Feld gar nicht, mit einer Ausnahme: wenn es hiess: «Morn göhn mer go herbschte», dann war der Jubel gross. Ich war acht Jahre alt, als ich zum erstenmal mitgehen durfte. Am Vorabend wurden grosse Zuber auf den Wagen geladen und die Rebmesser geschliffen. Wir hatten unsere Reben am Hackberg, wo es heute nur noch Villen und Gärten hat. Den ganzen Tag arbeiteten wir im Rebberg; ich erinnere mich noch gut: es war kalt und wir froren und hatten steife Finger und konnten die Trauben fast nicht mehr halten. Meine Mutter gab mir noch extra ein Körbchen mit für die schönsten Trauben; sie verstand es sehr gut, diese bis Weihnachten aufzubewahren. An einer Schnur wurden sie auf dem Estrich aufgehängt, in einem besonderen Abteil, wo auch die schönen Pastorenbirnen ausreiften, und blieben so frisch bis an Weihnachten.

Auch beim Heuen und beim Ernten mussten wir helfen; bei der Getreideernte war es unsere Aufgabe, die Garbenbändel auszulegen, womit die Erwachsenen dann die Garben banden, und beim Heuen mussten wir rechen. Das dünkte mich eine heisse, mühselige Arbeit. Aber manchmal erlaubte uns der Vater, auf den Heuwagen zu sitzen - stolz fuhren wir dann auf dem hochbeladenen, schwankenden Wagen durchs ganze Dorf und im Meierhof in die grosse Scheune hinein.

Wir Mädchen mussten aber vor allem zu Hause der Mutter helfen, welche mit den sieben Kindern, den vielen Knechten, die natürlich auch mit uns am Tisch assen, mit Haus und Hühnerstall und dem grossen Gemüsegarten in der Bachtelen sehr viel Arbeit hatte. So gehörte es etwa zu meinen Aufgaben, jeden Nachmittag ein grosses «Sechtbecki», ein Löcherbecken voll geschwellter Kartoffeln zu schälen für die Rösti, die am Abend in zwei grossen Schüsseln auf den Tisch kam.

An den Winterabenden wurden bei uns auch Nüsse aufgeklopft. Die ganze Familie, Eltern, Kinder und oft auch noch Freunde und Verwandte, sassen um den grossen Stubentisch. Da standen grosse Körbe mit vielen Nüssen; Korb um Korb wurde auf den Tisch ausgeleert, und einige der Männer klopften mit einem Hämmerchen die Nüsse. Wir andern klaubten die Kerne heraus, welche dann in die «Öli», die Ölmühle, gebracht wurden - so hatten wir unser eigenes Öl. Ein Onkel, der bei dieser Nussklopfete auch immer dabei war, sagte dann: «So, Meitli, singt noch eins.» Und so sangen wir ein Lied ums andere. Es wurde überhaupt viel gesungen bei uns in meiner Jugendzeit, bei der Arbeit, am Abend in der Stube, und auch in der Schule fing jeder Tag mit einem Lied und einem Gebet an. Ich kam 1908 zu Lehrer Eduard Heyer in die erste Klasse in die heutige «Alte Kanzlei», später dann ins Erlensträsschen. Wir waren eine grosse Mädchenklasse, wo ich viele Freundinnen fand. Ich ging sehr gerne zur Schule - ich war ja eine grosse Leseratte! - und in den Ferien freute ich mich stets auf die Schule - denn Ferien hiess für uns Bauernkinder natürlich vor allem Helfen.

Aber trotz der Arbeit, die ich damals gar nicht immer schätzte, ist meine Kinderzeit voller schöner Erinnerungen - Erinnerungen an die Winterfreuden, wenn wir mit unsern Schlitten von der Chrischona bis zur Bahnlinie hinuntersausten oder auf der Strasse Schlittschuh fuhren und uns nachher auf der warmen Kunst in der Stube wieder aufwärmten; Erinnerungen an Weihnachten, wenn uns die Mutter liebevoll den Baum schmückte, das Glöcklein läutete und jedem Kind einen Teller bereitet hatte mit Weihnachtsgutzeli, die zuvor halbe Nächte hindurch in unserem grossen Backofen gebacken worden waren. Auch schöne Geschenke lagen unter dem Christbaum: so erhielten meine Brüder einmal eine Burg mit Soldaten, mit welchen sie dann Sonntags auf dem grossen Stubentisch spielten, ein andermal eine Eisenbahn zum Aufziehen und einmal etwas ganz Besonderes: eine Laterna Magica. Das war wie Kino, und natürlich machten die Brüder an einem Sonntag für uns Mädchen und unsere Freundinnen eine Vorstellung, die wir, unsere Ditti im Arm, besuchen durften. Dass wir dann aber fünf Rappen Eintritt bezahlen mussten, fand ich doch übertrieben! Auch viele fröhliche Nachmittage leben in meiner Erinnerung, an denen wir mit einer ganzen Schar Kinder Versteckeriis machten im Schopf und rund um den Meierhof herum. Alle Kinder durften zu uns kommen zum Spielen,meine Eltern hatten es gerne und gaben uns viel Freiheit.

Eine meiner ganz besonders schönen Kindheitserinnerungen ist die Habermark-Chilbi1, die jeweils am ersten Maiensonntag in Bettingen stattfand. Vor diesem grossen Tag kam die Schneiderin zu uns auf die Stör, um uns neu einzukleiden. Wir Mädchen bekamen alle die gleichen Röcke, meist mit Spitzenkräglein - ich erinnere mich noch gut an rosa Baumwollröcklein mit grossen Puffärmeln, die mir besonders gut gefielen. Am ersehnten Maiensonntag fuhren wir dann mit Onkel Emsts Break nach Bettingen, wo wir in der Wirtschaft « Zur Traube » an der oberen Dorfstrasse, die heute nicht mehr existiert, einkehrten. Es gab viele Stände im Dorf mit Magenbrot und Lebkuchen, und auf dem Lindenplatz drehte sich eine Rössliryti.

Der Erste Weltkrieg, vor allem aber der frühe Tod meines Vaters und meiner ältesten Schwester, brachten dann meine unbeschwerte Jugendzeit zu einem abrupten Ende. Meine Mutter führte die Fuhrhalterei und die Landwirtschaft alleine weiter, und wir alle versuchten, ihr bei dieser schweren Aufgabe zu helfen. Wir wurden erwachsen, und nicht nur wir, sondern auch das Dorf Riehen veränderte sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten. Manches wurde besser - das alte Dorf war ja auch nicht nur «schön» gewesen als Bauerndorf, und wir freuten uns, als bessere Zeiten kamen - doch Vieles ging auch verloren. Meine Kinderjahre im Meierhof, im Dannacherhaus und im alten Dorf aber bleiben für mich eine glückliche Erinnerung.

1  Die Habermark-Chilbi, ein altes Bettinger Volksfest, hat ihren Namen vom Habermark oder Wiesen-Bocksbart, einer bis 60 Zentimeter hohen Pflanze mit gelben Blüten, die im Mai in den Wiesen blüht.

Zusammengestellt auf Grund von Aufzeichnungen und mündlichen Erzählungen von Marie Strohbach-Tanner durch Lukrezia Seiler-Spiess.

 

Diesen Artikel finden Sie im Jahrbuch z'Rieche 1990

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